Dienstag, 20. August 2013

Notizen zu Armin Thurnhers „Republik ohne Würde“

„Republik ohne Würde“ – Armin Thurnher hat ein gutes Buch geschrieben. Ein wesentliches obendrein. Er bringt dankenswerterweise mit „Würde“ einen entscheidenden Begriff in die politische Diskussion zurück, und zwar ohne moralinsaures Pathos.

Wer sich erwartet, sofort in den wild wuchernden Garten der teils skurrilen, teils ekelerregenden und deprimierenden Possen sowie Kriminalstücke der österreichischen Politik geführt zu werden, wird zunächst enttäuscht sein. Doch keine Sorge. Sie werden kommen, in gewohnt brillanter, pointierter und trennscharfer Sprache. Und sie werden die Ruhe im Garten gehörig stören.

Doch zunächst stellt Armin Thurnher „Nachforschungen“ an. Und damit hebt er den Begriff „Würde“ aus den Tiefen der Geschichte und des Denkens. Er entstaubt ich nicht, wie man so unschön sagt. Das hat der Begriff auch nicht nötig. Er legt ihn frei, macht ihn klarer, macht ihn zum Maßstab und leuchtet damit die Untiefen und Abgründe der gegenwärtigen Politik aus. Die Begriffsklärung mag anfangs etwas mühsam sein. Doch nur durch diese Nachforschungen geht einem – wie man so schön sagt – etwas auf. Man versteht durch dieses Buch die österreichische Realität nicht besser. Aber man sieht deutlicher, wie tief die geistigen und sittlichen Schäden sind, die diese Republik sich in den letzten Jahren (Jahrzehnten?) zugefügt hat.

Versteht man dieses Buch aber bloß als ein Arsenal an Stichen in bzw. gegen die Unappetitlichkeiten der österreichischen Politik, dann entgeht einem die Substanz. Dann bewegt man sich lediglich auf der Ebene eines beliebigen und weitgehend unentscheidbaren Für-und-Wider-Diskurses. Armin Thurnher geht aber weiter, er bohrt tiefer und bezieht das Urteilsvermögen auf die aneinander gebundenen Begriffe Freiheit und Würde. Damit gewinnt jeder, der ihm gedanklich wirklich folgt, einen Maßstab für das jeweils eigene Denken und Handeln.

Natürlich ist es ein Buch über Österreich. Aber nicht ausschließlich. Vielleicht gar nicht in erster Linie. Es ist ein Buch über mich selbst und die Frage: Wie bewahre ich meine Würde in diesem Land, oder in einem anderen? Wer auch immer was auf dem Kerbholz hat, den ersten Schritt der Veränderung kann immer nur ich selbst tun. Das ist tatsächlich eine Zumutung, eine Zumutung der Würde. Ingeborg Bachmann sagte in einer oft erwähnten Rede, von der aber leider immer nur der Titel zitiert wird: „Ich glaube, dass dem Menschen eine Art des Stolzes erlaubt ist – der Stolz dessen, der in der Dunkelheit der Welt nicht aufgibt und nicht aufhört, nach dem Rechten zu sehen.“ Darum geht es hier auch. Nicht nur um Österreich.

Bemerkenswerter Weise wurde und wird das Buch in einer breiteren österreichischen Medienöffentlichkeit kaum registriert. Warum das so ist, ja geradezu sein muss – auch davon handelt dieses Buch, leben wir doch inmitten einer strukturell korrumpierten Medienlandschaft, die der alltäglichen Würdelosigkeit Hochglanz gibt. Supersauber.

Am Ende lernen wir Nina kennen. Nina ist eine mobile Krankenpflegerin im Weinviertel. Armin Thurnher begleitet sie einen Tag lang. Er kommentiert diesen Tag nicht. Er erzählt ihn nur. Am Ende des Tages weiß man, was man vorher vielleicht nur durchscheinen spürte. „Republik ohne Würde“ ist ein Buch über das Leben, über mein Leben.

Wird dadurch Politik weniger wichtig? Nein, wird sie nicht.

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