Wer sich
erwartet, sofort in den wild wuchernden Garten der teils skurrilen, teils
ekelerregenden und deprimierenden Possen sowie Kriminalstücke der
österreichischen Politik geführt zu werden, wird zunächst enttäuscht sein. Doch
keine Sorge. Sie werden kommen, in gewohnt brillanter, pointierter und
trennscharfer Sprache. Und sie werden die Ruhe im Garten gehörig stören.
Doch
zunächst stellt Armin Thurnher „Nachforschungen“ an. Und damit hebt er den
Begriff „Würde“ aus den Tiefen der Geschichte und des Denkens. Er entstaubt ich
nicht, wie man so unschön sagt. Das hat der Begriff auch nicht nötig. Er legt
ihn frei, macht ihn klarer, macht ihn zum Maßstab und leuchtet damit die
Untiefen und Abgründe der gegenwärtigen Politik aus. Die Begriffsklärung mag
anfangs etwas mühsam sein. Doch nur durch diese Nachforschungen geht einem –
wie man so schön sagt – etwas auf. Man versteht durch dieses Buch die österreichische
Realität nicht besser. Aber man sieht deutlicher, wie tief die geistigen und
sittlichen Schäden sind, die diese Republik sich in den letzten Jahren (Jahrzehnten?)
zugefügt hat.
Versteht man
dieses Buch aber bloß als ein Arsenal an Stichen in bzw. gegen die Unappetitlichkeiten
der österreichischen Politik, dann entgeht einem die Substanz. Dann bewegt man
sich lediglich auf der Ebene eines beliebigen und weitgehend unentscheidbaren
Für-und-Wider-Diskurses. Armin Thurnher geht aber weiter, er bohrt tiefer und
bezieht das Urteilsvermögen auf die aneinander gebundenen Begriffe Freiheit und
Würde. Damit gewinnt jeder, der ihm gedanklich wirklich folgt, einen Maßstab
für das jeweils eigene Denken und Handeln.
Natürlich
ist es ein Buch über Österreich. Aber nicht ausschließlich. Vielleicht gar
nicht in erster Linie. Es ist ein Buch über mich selbst und die Frage: Wie
bewahre ich meine Würde in diesem Land, oder in einem anderen? Wer auch immer
was auf dem Kerbholz hat, den ersten Schritt der Veränderung kann immer nur ich
selbst tun. Das ist tatsächlich eine Zumutung, eine Zumutung der Würde.
Ingeborg Bachmann sagte in einer oft erwähnten Rede, von der aber leider immer
nur der Titel zitiert wird: „Ich glaube, dass dem Menschen eine Art des Stolzes
erlaubt ist – der Stolz dessen, der in der Dunkelheit der Welt nicht aufgibt
und nicht aufhört, nach dem Rechten zu sehen.“ Darum geht es hier auch. Nicht
nur um Österreich.
Bemerkenswerter
Weise wurde und wird das Buch in einer breiteren österreichischen Medienöffentlichkeit kaum registriert.
Warum das so ist, ja geradezu sein muss – auch davon handelt dieses Buch, leben
wir doch inmitten einer strukturell korrumpierten Medienlandschaft, die der alltäglichen
Würdelosigkeit Hochglanz gibt. Supersauber.
Am Ende
lernen wir Nina kennen. Nina ist eine mobile Krankenpflegerin im Weinviertel. Armin
Thurnher begleitet sie einen Tag lang. Er kommentiert diesen Tag nicht. Er
erzählt ihn nur. Am Ende des Tages weiß man, was man vorher vielleicht nur
durchscheinen spürte. „Republik ohne Würde“ ist ein Buch über das Leben, über
mein Leben.
Wird dadurch
Politik weniger wichtig? Nein, wird sie nicht.
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