Hören wir ihm letzten Interview etwas zu: "Wir können
uns nicht nur mit der Frage der Abtreibung befassen, mit homosexuellen Ehen,
mit Verhütungsmethoden. Das geht nicht. Ich habe nicht viel über diese Sachen gesprochen.
Das wurde mir vorgeworfen. Aber wenn man davon spricht, muss man den Kontext
beachten. Man kennt ja übrigens die Ansichten der Kirche, und ich bin ein Sohn
der Kirche. Aber man muss nicht endlos davon sprechen." Außerdem sagt er: „Wir
dürfen die Universalkirche nicht auf ein schützendes Nest unserer
Mittelmäßigkeit reduzieren … Wir müssen also ein neues Gleichgewicht finden,
sonst fällt auch das moralische Gebäude der Kirche wie ein Kartenhaus zusammen.“
Und in einer konkreteren Angelegenheit meint er. „Einmal hat mich jemand
provozierend gefragt, ob ich Homosexualität billige. Ich habe ihm mit einer
anderen Frage geantwortet: 'Sag mir: Wenn Gott eine homosexuelle Person sieht,
schaut er die Tatsache mit Liebe an oder verurteilt er sie und weist sie zurück?'“
Keine Frage, Sätze wie diese sind nach Jahrhunderten der
Verengung und Geiselhaft eine Sensation. Und dass der Papst seiner Kirche eine
Besessenheit von der Sexualmoral vorwirft, hätte ich nie erwartet, von einem
Papst zu hören. Allerdings ist das lange überfällig, denn es ist äußert als
seltsam (und eben auch vielsagend), dass eine spirituelle Vereinigung wie die
Kirche die Welt von der sexuellen Lebendigkeit der Menschen stärker bedroht
sieht als durch moralische Defizite im gesellschaftlichen, religiösen,
wirtschaftlichen und politischen Leben. Hier beginnt also jemand klarer zu
denken und Klartext zu reden. Das ist erfreulich.
Doch wenn ich Franziskus genau zuhöre, dann werde ich sehr
bald skeptisch. Spricht hier ein Wolf im Schafspelz? Entsteht hier bloß eine
Toleranz durch Ignoranz? Aussagen wie „Man kennt die Ansichten der Kirche …
Aber man muss nicht endlos davon sprechen“ scheinen das nahezulegen. Die
Haltung der Kirche wird im Kern nicht verändert. Nur der Fokus verändert sich.
Er wird breiter. Oder er wird verschoben. Das Brennglas des Moralisierens wird nicht
oder weniger häufig auf die Sexualität gelegt. Doch die Überzeugung der
Glaubenskongregation, dass beispielsweise die natürliche von Gott gemachte Ordnung
durch Homosexualität verletzt wird, bleibt. Und damit bleibt auch die
strukturelle Gewaltsamkeit einer so begründeten Überzeugung. Der Papst will sie
nur zurückhaltend ausgedrückt wissen.
Dennoch liegt darin eine Hoffnung. Die Hoffnung, dass sich
eine große Organisation wie die Kirche einem echten Dialog stellt. Einem
Dialog, in dem das Ergebnis nicht schon dogmatisch vorweggenommen ist. Diese
neue Haltung wird die Kirche vielleicht auch in ihren Kernthesen verändern.
Doch es ist größte Vorsicht geboten. Denn es kann auch eine Marketingstrategie
sein, die sich darum bemüht, den dogmatischen Kern kirchlicher
Wahrheitsbehauptungen am gegenwärtigen Meinungsmarkt besser zu bewerben.
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