John Williams schrieb in den 1960er Jahren einen
der erstaunlichsten Romane des 20. Jahrhunderts: »Stoner«. Das Buch erschien
1965 in New York und wurde praktisch im selben Jahr wieder vergessen. Erst ein
knappes halbes Jahrhundert später wurde es aus einem Regal vergessener Archive
gezogen und erlebte einen Durchbruch. Ich selbst stieg kürzlich eines Abends in
das Auto und hörte im Radio die letzten Minuten einer Sendung, in der über
dieses Buch gesprochen wurde. Ich stieg aus, kaufte es und begann zu lesen.
Wir betreten mit den ersten Seiten Grundstück und
Haus einer Farm im tiefsten Missouri, auf der Stoner als einziges Kind seiner
Eltern in ärmlichen Verhältnissen aufwächst. »Solange William Stoner sich
erinnern konnte, hatte er Pflichten zu erledigen«, heißt es gleich irgendwo zu
Beginn. Die Sprache wirkt einfach. Aber sie bewirkt nichts Einfaches. Wenn man
genauer sein will - und das sollte man -, dann muss man sagen: Die Sprache ist
von eindringlicher Klarheit. John Williams braucht nur wenige Zeilen, um das
Leben auf der Farm fühlbar zu machen:
Es war ein einsamer Hof, auf dem er das einzige
Kind blieb, doch die Not der täglichen Plackerei hielt den Haushalt zusammen.
Abends saßen die drei beim Licht der Petroleumlampe und starrten in die gelbe
Flamme; der einzige Laut, den man in der knappen Stunde zwischen Abendbrot und
Bett hören konnte, war meist nur das Räkeln eines müden Körpers auf einem
harten Stuhl oder das leise Knarren eines Pfostens, der sacht unter dem Alter
des Mauerwerks nachgab.
William Stoner schließt 1910 die Highschool ab,
und wir sehen ihn an einem Frühlingsabend mit seinem Vater am Tisch sitzen:
Eines Abends ..., nachdem die beiden Männer den
ganzen Tag lang Mais gehackt hatten, richtete sein Vater, nachdem das Abendbrot
abgeräumt worden war, in der Küche das Wort an ihn.
»Der Viehhändler kam letzte Woche.«
William blickte von dem ordentlich mit einem rot-weiß karierten Wachstuch
bedeckten runden Küchentisch auf, sagte aber nichts.
»Angeblich gibt’s ein neues Institut an der Universität Columbia. Heißt
Landwirtschaftscollege. Meinte, du solltest hin. Dauert vier Jahre«
»Vier Jahre‘, sagte William. ‚Kostet das was?«
Dann sehen wir, wie Stoner »auf dem im Licht der
Lampe matt schimmernden Tischtuch« seine Hände spreizt, und hören ihn fragen:
»Glaubst du denn, du kommst hier allein zurecht?«
»Deine Ma und ich, wir schaffen das schon ...«
William sah zu seiner Mutter hinüber. »Ma?«, fragte er.
Mit tonloser Stimme antwortete sie: »Du tust, was dein Pa dir sagt.«
Und so beginnt
Stoner zu studieren. Vor und nach den Collegestunden arbeitet er auf der
Farm von Verwandten nahe Columbia. Nachts lernt er. Die natur- und
agrarwissenschaftlichen Fächer fallen ihm leicht. »Nur der vorgeschriebene
Einführungskurs in die englische Literatur«, wie wir erfahren, »verstörte und
beunruhigte ihn auf eine Weise wie nichts zuvor.« Aber genau das wird ihm nun
Bestimmung und Schicksal. Er wechselt in das Fach Literaturwissenschaft und
beschließt nach einigem Zögern, nicht auf die Farm zurückzukehren. Seinen
Eltern erzählt er erst spät davon. Und in dieser Szene erleben wir einen jener
seltenen Momente, in denen seine Mutter für uns greifbar wird:
Seine Mutter hielt ihm das Gesicht zugewandt, sah
ihn aber nicht an. Sie kniff die Augen zusammen, presste die geballten Fäuste
an die Wangen, atmete schwer, und ihre Miene war wie vor Schmerz verzerrt.
Erstaunt begriff Stoner, dass sie weinte, stumm und aus tiefstem Innern, mit
all der Scham und Verlegenheit eines Menschen, der selten weint.
John Williams entwickelt das Geschehen in der
nüchternen Sprache eines Berichts. Doch dieser schnörkellose Bericht erreicht
eine sprachliche Kraft und Eindringlichkeit, die uns vom ersten Augenblick an
in den Text hineinzieht wie in ein tiefes Wasser. Nur manchmal tauchen wir auf,
in Panik, weil uns die Luft ausgeht und die Lungen schmerzen.
Wir folgen dem Bericht eines Lebens, das wir
nicht ertragen könnten oder wollten. Auf rätselhafte Weise fühlen wir uns ihm
aber nahe. Macht uns das etwa mehr Angst als das unglückliche Leben von Stoner
selbst? Nach dem Studium verliebt er sich und heiratet. An dieser Stelle würden
wir am liebsten aufspringen, die Arme in die Höhe reißen und ihn warnen. Aber
wir bleiben sitzen und lesen weiter.
Von Edith, seiner Frau, erfahren wir kaum etwas.
Jedenfalls beinahe nichts über ihre Beweggründe. Diese Figur ist ebenso
schrill, wie sie im Dunkeln bleibt. Jedenfalls ist Ediths Lieblosigkeit ihm
gegenüber dermaßen vehement, dass wir das Gefühl haben, unsere Lippen langsam
und mit leichtem Druck über die Schneide einer Rasierklinge zu ziehen, während
wir den Bericht über ihr Zusammenleben lesen. Die Szenen, in denen sie ihn
offen terrorisiert, wirken da beinahe erholsam. Denn in ihnen zeigt sich
wenigstens irgendeine Nähe, irgendein Gefühl. Und doch findet Stoner ein
schmerzliches Glück. Nur mit einer anderen Frau? Oder auch mit Edith, am Ende?
Seine Laufbahn an der Universität ist alles
andere als glanzvoll. Er wird Assistenzprofessor, und seine Karriere stagniert
praktisch vom ersten Tag an bis zu seinem Tod. Und doch trägt diese Universität
in zärtlicher und leidenschaftlicher Weise sein ganzes Leben. Er weiß, dass es
für ihn kein Leben außerhalb der Universität geben kann. Er weiß, dass er nur
dieses Leben leben kann und kein anderes. Seine Karriere ist unspektakulär.
Aber vielleicht ist er ein großer Lehrer. Würden wir William Stoner erkennen,
wenn wir ihn an unserem eigenen Arbeitsplatz in einem Büro am anderen Ende des
Ganges treffen?
Und dann ist da noch Grace, vor allem Grace –
seine Tochter. Ihr fühlt er sich vom ersten Tag ihrer Geburt an so nahe, so
verbunden und seelenverwandt, dass sie ihm bis zum Schluss ein filigraner
Haltegriff im Leben bleibt. Edith zieht sie früh fort von ihm, richtet sie ab
und entfremdet sie. Und der Schmerz darüber zieht sich durch Stoners Leben wie
der ununterbrochene hauchdünne Schnitt jener Rasierklinge, die wir schon
kennen. Als Erwachsene sieht er sie kaum noch. Er weiß, dass sie trinkt, und er
sieht es ihr an. Kurz vor Stoners Tod sehen sie einander. Und wir hören seine
Tochter sagen:
»Armer Daddy«, sagte Grace, und das brachte ihn
in die Gegenwart zurück. »Armer Daddy, das Leben war für dich nicht einfach,
oder?«
Einen Moment dachte er nach und erwiderte dann: »Nein, aber ich glaube, das
hätte ich auch nicht gewollt.«
Bevor
ganz am Ende ein Buch »in die Stille des Zimmers« fallen wird, denke ich mir:
Könnte man nicht auch über Edith oder über Grace schreiben, mit der gleichen
Eindringlichkeit und mit ähnlich subtilem Blick für das Glück und Unglück ihres
Lebens? Könnte das Buch auch »Edith« heißen - oder »Grace«? Wurde es
möglicherweise sogar geschrieben? Vielleicht sollten wir nach ihm suchen. In
jenen vergessenen Archiven der Literatur, in denen auch »Stoner« jahrzehntelang
verschollen war.
John Williams, Stoner, dtv 2013 (aus dem Englischen von Bernhard Robben)