Donnerstag, 17. September 2015

Das Fremde und der Wohlstand

Das Fremde macht uns Angst. Das Fremde zieht uns aber auch an. Es fasziniert. Aber was bedeutet überhaupt fremd? Und wie viel Fremdes steckt in uns?

Menschen aus fernen Ländern und anderen Kulturen sind augenscheinlich fremd. Sie kleiden sich anders, verhalten sich anders. Sie beten, essen und lachen anders. Sie fallen auf.

Aber nicht nur sie sind fremd. Auch wir, die wir uns gut kennen, wir, die wir in derselben Stadt, im selben Dorf oder im selben Tal geboren sind, wir Altbekannten also sind uns oft äußerst fremd. Wir haben unterschiedliche Meinungen, konträre Ideen und Lebensentwürfe, verstörenden Gewohnheiten. Wir sind - könnte man sagen - sehr oft einander nicht grün.

Auch die Wege unsere Geschichte sind dicht gepflastert mit Fremdheiten aller Art. Das Christentum, das angeblich unsere Identität ausmacht, war vor knapp 2000 Jahren ein kulturfremder Import aus dem Nahen Osten und hierzulande ebenso fremd, wie es noch vor gut 100 Jahren die Demokratie war. Die Kartoffel rettete vielen unserer Vorfahren nach dem Dreißigjährigen Krieg das Leben und war als vollkommen fremde Pflanze nicht lange davor nach Europa gekommen. Gar nicht zu reden von der Eisenbahn. Die war uns nicht nur fremd, sie galt uns sogar als Teufelswerk. So warnte das bayrische Obermedizinalkollegium ganz eindringlich davor, da nicht nur das Besteigen, sondern schon der bloße Anblick einer Lokomotive eine Gehirnkrankheit auslösen könne. Wir sollten uns heute über die hirnliche Gesundheit dieses Kollegiums kein Urteil anmaßen, aber eines sollten wir uns klarmachen: Unsere Identität, unsere Kultur ist das Produkt von Fremdheiten.

Was Menschen betrifft, fordert man gerne und oft auch laut Integration. Fremde, so hört man zuweilen ohrenbetäubend, müssten sich an die Leitkultur, an die Mehrheitsgesellschaft anpassen. Doch Anpassung ist keine Integration. Anpassung ist Assimilation. Integration geht auf das lateinische Wort »integrare« zurück, das soviel bedeutet wie: wiederherstellen, erneuern, geistig auffrischen. Integration bedeutet also nicht, dass sich das Fremde an das Gewohnte anpasst. Integration bedeutet, dass das Fremde das Gewohnte verändert und umgekehrt. Integration bedeutet, dass etwas Neues entsteht. Integration bedeutet Innovation, Fortschritt und Wohlstand.

Hätte sich der Erfinder des Rades - so es ihn jemals gab - an die Mehrheitsgesellschaft bloß angepasst, würden wir noch immer am Boden sitzen und maximal zu Fuß gehen. Hätten sich Galileo und andere Astronomen an den Denkgepflogenheiten der Zeit orientiert, würden wir die Welt noch immer für eine Scheibe halten und bei jeder simplen Kreuzfahrt am Rand der Welt samt Schiff in die Hölle hinunterfallen. Wären Alexander Fleming und nachfolgende Wissenschaftler bloß den bekannten Wegen gefolgt, dann wäre das Penicillin unentdeckt und die lebensrettende Wirkung von Antibiotika unbekannt geblieben. Des Fremde führt zu Innovation und rettet Leben. Das Aussperren des Fremden hingegen führt nicht nur zu einer geistigen Verarmung, sondern auch zu einer wirtschaftlichen Verelendung der Gesellschaft.

Dieser Tage kommen viele Fremde zu uns. Wir wissen nicht, wer bleiben wird. Wir wissen nicht, wie viele es sein werden. Und wir wissen auch nicht, was das im Einzelnen bewirken wird. Dass es nicht leicht für uns wird, wissen wir aber. Und bei einem aufmerksamen Blick in unsere Geschichte wissen wir außerdem: Wenn uns Integration gelingt, dann wird unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft und Kultur eine bessere als heute sein.

Donnerstag, 10. September 2015

Islamisches Abendland?

Das moderne Europa - oder sollte man blumiger Weise Abendland sagen? - dieses Europa - oder eben Abendland - ist weder christlich noch islamisch. Europa, so wie wir es heute kennen, hat sich gegen beide Religionen durchgesetzt, und wurde nicht von ihnen hervorgebracht. Europa ist ein qualvoll entbundenes Kind der Aufklärung und keine Gottesempfängnis.

Und doch ist Europa in beiden Religionen stark verwurzelt. Ein Widerspruch? Keineswegs. Denn das, wogegen man sich wehren muss, trägt man weiterhin tief in sich. Europas Geschichte und Kultur ist vom Christentum ebenso geprägt wie vom Islam. Das heute als Kampfbegriff in die Diskussion geworfene "christliche Abendland", das es angeblich zu verteidigen gilt, zeugt eher von atemberaubender Ahnungslosigkeit als von echter Kenntnis der Geschichte.

Hat man etwa vergessen, dass der Islam  beinahe ein Jahrtausend auf der Iberischen Halbinsel die politisch, religiös und kulturell bestimmende Macht war? Oder haben manche der heutigen Rädelsführer das gar nie gewusst? Die glanzvolle Hauptstadt dieses Reiches, Córdoba, war die weitaus größte Stadt Europas. Sie war wohlhabender als Konstantinopel und die Bibliothek ihrer Residenz umfasste mehr Bücher, als es im ganzen übrigen Europa zusammen gab. Die großartige Kathedrale der Stadt wurde im 8. Jahrhundert als Moschee auf den Fundamenten eines antiken römischen Tempels errichtet. Heute ist sie ein christliches Gotteshaus. So ist Europa.

Dürfen wir das antike Griechenland als die Wiege Europas bezeichnen? Ja, dürfen wir. Zumindest zum Teil. Doch bemerkenswerterweise hat sich das mittelalterliche Europa für seine Wiege überhaupt nicht interessiert. Die griechischen Schriften zu Philosophie und Mathematik, zu Wissenschaft und Staatslehre waren in Europa gar nicht verfügbar. Ganz anders im byzantinischen und islamischen Kulturkreis. Dort wurden die griechischen Schriften übersetzt und mit größter Intensität studiert. Und so kam es, dass die Bücher der griechischen Antike über den arabischen Raum nach Europa kamen. Die islamische Kultur hat - wenn man so will - Europa erst in seine eigene Wiege gelegt. Kein Abendland ohne den Islam.

Hinzu kam die hohe Wertschätzung der muslimischen Welt für das wissenschaftliche Experiment. Das hatte zur Folge, dass praktisch alle bahnbrechenden Erkenntnisse in der Medizin und Physik, in der Mathematik, Astronomie und Geografie von islamischen Gelehrten ausgingen. So griff beispielsweise die sogenannte christliche Seefahrt auf Karten zurück, die der muslimische Geograf al-Idrisi im 12. Jahrhundert angefertigt hatte. Auch Christoph Columbus hatte mehr als 300 Jahre später einen Atlas von ihm an Bord.

Es ist keine Frage: Trotz hoher kultureller Entwicklung zog der Islam eine blutige Spur durch Europa. Das Gleiche gilt für das Christentum. Europa setzte sich zur Wehr und tut es noch heute, und wir sollten weder ein christliches noch ein islamisches Abendland verteidigen wollen. Wenn überhaupt, dann sollten wir ein Europa verteidigen, das sich gegen den politischen Einfluss der Kirchen gewehrt und für Bürger-, Freiheits- und Menschenrechte gekämpft hat.

Übrigens: Was haben Wörter wie Alkohol, Havarie oder Karaffe, Magazin, Sofa und Zucker gemeinsam? Sie sind arabischen Ursprungs. Und dass wir einen Ausdruck wie "jemanden vor den Kadi zerren" für eine umgangssprachliche Redensart halten, zeigt wie tief die islamische Kultur im abendländischen Erbgut verwurzelt ist. Denn der Kadi ist gemäß islamischer Staatslehre ein Richter. Und bei uns ist er das offenbar auch.

Freitag, 4. September 2015

Die Flüchtlinge und der Ederer-Tausender

Die Solidarität ist groß in Europa, keine Frage. Menschen melden sich zu Wort, sie organisieren sich, sie spenden und helfen. Das ist beeindruckend und macht Hoffnung. Aber der nationale Egoismus ist ebenso groß, im offiziellen Europa derzeit wohl größer und stärker als die Solidarität. Die nationalistischen Regierungen berufen sich dabei auf ihr Volk, auf dessen Ängste und Sorgen ums eigene Wohlergehen.

Warum aber – fragt man sich – traten diese Länder jemals der EU bei? Etwa nur deshalb, um die Vorteile einer Gemeinschaft zu nutzen, ohne einen Beitrag dafür leisten zu wollen? Aber konnte man jemals davon ausgehen, dass das funktioniert? Kann irgendjemand glauben, die Regale im Supermarkt regelmäßig leerräumen zu können, ohne auch nur ein einziges Mal an der Kassa zu zahlen? Kann man davon ausgehen, dass das Vereinslokal des Clubs, in dem man Mitglied geworden ist, auch in Zukunft so praktisch und komfortabel sein wird, ohne dass man jemals selbst Hand anlegt und beim Ausmalen mithilft? Kann und konnte man jemals davon ausgehen? Ich frage hier gar nicht nach Herzensgüte, ich frage schlichtweg nach Intelligenz.

Denken wir an Österreich. Denken wir gut 20 Jahre zurück. Denken wir daran, wie vor der Volksabstimmung versucht wurde, die Bevölkerung von der Sinnhaftigkeit eines EU-Beitritts zu überzeugen. Allerlei Vorteile wurden landauf, landab plakatiert: Keine Reisepässe würde man mehr brauchen, mehr Waren würden ins Land kommen, und diese würden obendrein billiger werden und, und, und. Zum Sinnbild für all diese Vorteile wurde der „Ederer-Tausender“, den es in der einen oder anderen plakativen Form wohl in allen EU-Ländern vor dem Beitritt gegeben hat: Zumindest 1.000 Schilling – so die damalige österreichische Staatssekretärin – würde sich jede Familie pro Monat sparen können. Eine schöne Gehaltserhöhung wurde da in Aussicht gestellt. Ich frage nicht, was aus dem Versprechen geworden ist. Ich frage bloß, welche Haltung daraus entstanden ist. Halten wir uns politisch bloß an das, was uns einen Vorteil verspricht?

Man kann nur ernten, was man sät. Wenn man den Geist der Vorteilsnahme sät, wird man keine Solidarität ernten. Wenn man Menschen Sand in die Augen streut, darf man sich keinen klaren Blick erwarten. Wenn Opportunismus und Eigennutz die prägenden Merkmale der Politik sind, dann werden Courage, Offenheit und Solidarität nicht die prägenden Merkmale der Gesellschaft sein. Dass es keinen Nutzen ohne Kosten, keine Rechte ohne Pflichten und keine Freiheit ohne die Freiheit anderer gibt, dämmerte den Ländern der EU erst spät. Es ist zu hoffen, dass es keine Abenddämmerung ist, sondern ein Schritt im Erwachsenwerden.

Dienstag, 1. September 2015

Was werden sie denken?

Irgendwann wird es wieder Frieden geben im Nahen Osten, - in Syrien, im Irak. Irgendwann wird man wieder einigermaßen sicher leben können in den umkämpften und zerstörten Regionen Afrikas. Irgendwann. Das dürfen wir hoffen. Und irgendwann werden viele, die flüchten mussten, zurückkehren in ihre Heimat. Sie werden ihre Städte wieder aufbauen und neue Unternehmen gründen. Sie werden ihre Kaffeehäuser renovieren, Museen und Theater wieder aufsperren, und sie werden die Mitglieder ihres alten Sportvereins zusammenrufen. Sie werden Tanzen gehen am Wochenende oder ins Kino. Aber was werden sie denken?

Was werden sie denken über uns Österreicher und Deutsche? Über uns Ungarn und Franzosen, über uns Engländer, Griechen und Polen … über uns Europäer? Was wird in ihren Schulbüchern stehen, oder in ihren Liedern? Was wird in ihren Filmen zu sehen, auf ihren Bühnen zu hören sein? Wie werden sie uns in Erinnerung haben, uns Spanier und Portugiesen, uns Slowaken und Finnen, uns Italiener und Tschechen … uns Europäer?

Was werden wir denken, wir Slowenen und Letten, wir Belgier und Rumänen, wir Bulgaren und Schweden, wir Esten, Iren und Malteser, wir Kroaten, Zyprioten und Litauer … wir Europäer? Was werden wir denken? Und was werden wir sehen, wenn wir einander in die Gesichter schauen?

Dienstag, 25. August 2015

Soll das Volk zurücktreten?

Wenn über Jahre Gewitterwolken am politischen Horizont aufziehen, die aber gerade noch weit genug weg sind, um nicht in eine Höhle flüchten zu müssen, - bei einem solchen Wetter also werden die Worte mitunter scharf, die Gedanken aber trübe und das Herz schwer. Wenn schon nicht die Politiker zurücktreten, denke ich mir, dann sollten doch wenigstens wir, das Volk, zurücktreten. Unsinn? Natürlich. Grober Unfug. Der Rücktritt des Bürgers ist nur möglich durch vollkommene Ignoranz oder Tod. Und nur letzteres gelingt allen. Aber bis dahin ist noch Zeit. Und diese will verbracht sein: freudvoll, sinnvoll, aufrecht. Und vielleicht hinter einem Blog, inmitten herumtanzender Tweets. Oder mit grimmigem Blick auf ein zu befüllendes Kommentarfeld. Oder auch nur mit zittrigem Finger, der einen Like-Button erreichen will.

Ich habe noch nie so viele Rücktrittsaufforderungen in meiner Timeline gelesen wie in den letzten Wochen. Auch ich selbst habe eine geschrieben. Zurückgetreten ist freilich niemand. Und es wird auch niemand tun. Nicht einmal wir, das Volk, werden zurücktreten. Was wird passieren? Was sollte passieren? Wir, das Volk, können nicht zurücktreten. Aber wir können und müssen antreten - als Politiker.

Komfortabel und lustvoll ist es ja schon: Bei Kaffee oder einem Glas Wein lasse ich meine Finger über die Tastatur gleiten und verteile im Netz mehr oder weniger gleichmäßig spitze, giftige und unglaublich gescheite Kommentare zur Politik in diesem Land – Rücktrittsaufforderungen inklusive. Sollte ich oder sollte man damit aufhören? Keinesfalls. Politik braucht Aufmerksamkeit, Anteilnahme und Kritik. Und Politiker müssen das aushalten und auch wollen.

Nur eines – und das wird mir gerade in den Tagen der Flüchtlingsdiskussion schmerzlich bewusst – eines darf nicht sein: dass ich es dabei bewenden lasse, dass ich im Wohlgefühl, doch eh das Richtige irgendwo gesagt zu haben, am Sofa einschlafe. Ich muss mehr tun. Und damit meine ich gar nicht ein Engagement in der Sache selbst: Toilettenartikel oder Geld zu spenden, mich als Deutschlehrer zur Verfügung zu stellen oder einen Flüchtling zu Hause aufzunehmen. All das ist wichtig, richtig und bis zu einem gewissen Grad auch menschliche Pflicht.

Aber ich meine etwas Anderes. Ich rede von einem Engagement im politischen System, in den Institutionen, in den Organisationen, in den Gremien und Ausschüssen. Soll das etwa heißen, dass ich jetzt mit einer Vorfeldorganisation Kontakt aufnehmen soll, um mich dann durch die Bezirks- und Landesinstanzen durchzubeißen, bevor ich Bundeskanzler oder gar Präsident werden und alles besser machen kann? Ja, das soll es heißen. Aber das geht sich doch nie aus! Und außerdem ist die Politik ein dermaßen schmutziges, opportunistisches und den Charakter korrumpierendes Geschäft, dass ich dafür doch nicht mein Leben aufs Spiel setze. Das überlasse ich lieber den Selbstdarstellern dieser Republik. Ach ja?

Freilich, die wenigsten erreichen ein Nationalratsmandat. Fast niemand wird Minister, Bundeskanzler oder Präsident. Aber irgendwo in den Kaskaden, Nischen und Hinterzimmern des republikanischen Apparates muss ich meinen Mund aufmachen und Verantwortung übernehmen, wenn ich mich und meine politische Haltung ernst nehmen möchte. Was wird geschehen? Was werde ich tun? Jedenfalls bleibt es, bis das entscheiden ist, ein wunder und immer wieder schmerzender Punkt in meiner bloß politisch-rhetorischen Tatkraft, die mir – bei aller berechtigen Kritik – Respekt für jene Menschen abringt, die politisch tatsächlich etwas tun.

Donnerstag, 6. August 2015

Helfen ohne Herz.

Das ist ein Denkversuch, kein Plädoyer. Es geht, wie so oft in diesen Tagen, um die Flüchtlingsfrage. Kann da in der veröffentlichten und geposteten Meinung bloß die Herzensgüte gegen den blindwütigen Hass antreten? Einer der Dreh- und Angelpunkte dieser rechtspopulistisch verwahrlosten Diskussion ist beispielsweise das Wort »Gutmensch«, ein durch und durch widerwärtiger und denunzierender Begriff. Ich denke aber, dass man diesem Thema jede Emotion entziehen kann und noch immer zum Ergebnis kommen würde, dass es sinnvoll und notwendig ist, Flüchtlinge aufzunehmen, und zwar im eigenen Interesse. Man braucht dazu keine Empathie und Herzensgüte. Es genügt, einigermaßen bei Verstand zu sein - die Realität zu kennen und folgerichtig denken zu können.

Stellen wir uns vor, wir würden die Grenzen dichtmachen, Mauern errichten und alle Flüchtlinge so gut es geht von Österreich fernhalten. Gut, die Menschen ziehen weiter. Vorerst. Sie klopfen an die Tore anderer Länder. Doch diese haben die Türen auch geschlossen, sie haben Mauern gebaut und versuchen jeden Flüchtling so gut es geht fernzuhalten. An dieser Stelle ist anzumerken: nur grandios realitätsferne Menschen würden glauben, dass die Flüchtlinge nun nach Hause zurückkehren. Auf Geister dieser Art würde eine Bemerkung von Alexander von Humboldt gut passen, der meinte: »Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.«

Die wenigsten würden heimkehren. In ihrer Not würden sie lernen, die aufgebauten Mauern zu überwinden. Gut, bauen wir höhere Mauern. Menschen in Not lernen rasch. Bald überwinden sie auch diese. Wir bauen weiter, immer höher und höher. Und irgendwann werden wir so viel Geld für Mauern ausgegeben haben, dass das Land dahinter vollkommen verwahrlost und verarmt ist. Es will gar niemand mehr kommen. Die Mauern sind unnütz. Aber wir, wir würden jetzt gerne fluchtartig unser Land verlassen. Wird uns jemand aufnehmen?


Wie gesagt: ein Denkversuch, kein Plädoyer. Wir können - wenn wir nur diszipliniert genug sind - ohne Emotion diskutieren. Aber wir können nicht ohne Empathie und Herzensgüte leben. Neben Klarheit im Denken sind Empathie und Herzensgüte die tiefsten Wurzeln eines gelingenden Lebens. Das Herz hilft uns, wenn wir den Verstand verlieren. Am besten nutzen wir beides.

Montag, 5. Mai 2014

Bücher retten Leben

John Williams schrieb in den 1960er Jahren einen der erstaunlichsten Romane des 20. Jahrhunderts: »Stoner«. Das Buch erschien 1965 in New York und wurde praktisch im selben Jahr wieder vergessen. Erst ein knappes halbes Jahrhundert später wurde es aus einem Regal vergessener Archive gezogen und erlebte einen Durchbruch. Ich selbst stieg kürzlich eines Abends in das Auto und hörte im Radio die letzten Minuten einer Sendung, in der über dieses Buch gesprochen wurde. Ich stieg aus, kaufte es und begann zu lesen.

Wir betreten mit den ersten Seiten Grundstück und Haus einer Farm im tiefsten Missouri, auf der Stoner als einziges Kind seiner Eltern in ärmlichen Verhältnissen aufwächst. »Solange William Stoner sich erinnern konnte, hatte er Pflichten zu erledigen«, heißt es gleich irgendwo zu Beginn. Die Sprache wirkt einfach. Aber sie bewirkt nichts Einfaches. Wenn man genauer sein will - und das sollte man -, dann muss man sagen: Die Sprache ist von eindringlicher Klarheit. John Williams braucht nur wenige Zeilen, um das Leben auf der Farm fühlbar zu machen:
Es war ein einsamer Hof, auf dem er das einzige Kind blieb, doch die Not der täglichen Plackerei hielt den Haushalt zusammen. Abends saßen die drei beim Licht der Petroleumlampe und starrten in die gelbe Flamme; der einzige Laut, den man in der knappen Stunde zwischen Abendbrot und Bett hören konnte, war meist nur das Räkeln eines müden Körpers auf einem harten Stuhl oder das leise Knarren eines Pfostens, der sacht unter dem Alter des Mauerwerks nachgab.
William Stoner schließt 1910 die Highschool ab, und wir sehen ihn an einem Frühlingsabend mit seinem Vater am Tisch sitzen:
Eines Abends ..., nachdem die beiden Männer den ganzen Tag lang Mais gehackt hatten, richtete sein Vater, nachdem das Abendbrot abgeräumt worden war, in der Küche das Wort an ihn.
»Der Viehhändler kam letzte Woche.«
William blickte von dem ordentlich mit einem rot-weiß karierten Wachstuch bedeckten runden Küchentisch auf, sagte aber nichts.
»Angeblich gibt’s ein neues Institut an der Universität Columbia. Heißt Landwirtschaftscollege. Meinte, du solltest hin. Dauert vier Jahre«
»Vier Jahre‘, sagte William. ‚Kostet das was?«
Dann sehen wir, wie Stoner »auf dem im Licht der Lampe matt schimmernden Tischtuch« seine Hände spreizt, und hören ihn fragen:
»Glaubst du denn, du kommst hier allein zurecht?«
»Deine Ma und ich, wir schaffen das schon ...«
William sah zu seiner Mutter hinüber. »Ma?«, fragte er.
Mit tonloser Stimme antwortete sie: »Du tust, was dein Pa dir sagt.«
Und so beginnt Stoner zu studieren. Vor und nach den Collegestunden arbeitet er auf der Farm von Verwandten nahe Columbia. Nachts lernt er. Die natur- und agrarwissenschaftlichen Fächer fallen ihm leicht. »Nur der vorgeschriebene Einführungskurs in die englische Literatur«, wie wir erfahren, »verstörte und beunruhigte ihn auf eine Weise wie nichts zuvor.« Aber genau das wird ihm nun Bestimmung und Schicksal. Er wechselt in das Fach Literaturwissenschaft und beschließt nach einigem Zögern, nicht auf die Farm zurückzukehren. Seinen Eltern erzählt er erst spät davon. Und in dieser Szene erleben wir einen jener seltenen Momente, in denen seine Mutter für uns greifbar wird:
Seine Mutter hielt ihm das Gesicht zugewandt, sah ihn aber nicht an. Sie kniff die Augen zusammen, presste die geballten Fäuste an die Wangen, atmete schwer, und ihre Miene war wie vor Schmerz verzerrt. Erstaunt begriff Stoner, dass sie weinte, stumm und aus tiefstem Innern, mit all der Scham und Verlegenheit eines Menschen, der selten weint.
John Williams entwickelt das Geschehen in der nüchternen Sprache eines Berichts. Doch dieser schnörkellose Bericht erreicht eine sprachliche Kraft und Eindringlichkeit, die uns vom ersten Augenblick an in den Text hineinzieht wie in ein tiefes Wasser. Nur manchmal tauchen wir auf, in Panik, weil uns die Luft ausgeht und die Lungen schmerzen.

Wir folgen dem Bericht eines Lebens, das wir nicht ertragen könnten oder wollten. Auf rätselhafte Weise fühlen wir uns ihm aber nahe. Macht uns das etwa mehr Angst als das unglückliche Leben von Stoner selbst? Nach dem Studium verliebt er sich und heiratet. An dieser Stelle würden wir am liebsten aufspringen, die Arme in die Höhe reißen und ihn warnen. Aber wir bleiben sitzen und lesen weiter.

Von Edith, seiner Frau, erfahren wir kaum etwas. Jedenfalls beinahe nichts über ihre Beweggründe. Diese Figur ist ebenso schrill, wie sie im Dunkeln bleibt. Jedenfalls ist Ediths Lieblosigkeit ihm gegenüber dermaßen vehement, dass wir das Gefühl haben, unsere Lippen langsam und mit leichtem Druck über die Schneide einer Rasierklinge zu ziehen, während wir den Bericht über ihr Zusammenleben lesen. Die Szenen, in denen sie ihn offen terrorisiert, wirken da beinahe erholsam. Denn in ihnen zeigt sich wenigstens irgendeine Nähe, irgendein Gefühl. Und doch findet Stoner ein schmerzliches Glück. Nur mit einer anderen Frau? Oder auch mit Edith, am Ende?

Seine Laufbahn an der Universität ist alles andere als glanzvoll. Er wird Assistenzprofessor, und seine Karriere stagniert praktisch vom ersten Tag an bis zu seinem Tod. Und doch trägt diese Universität in zärtlicher und leidenschaftlicher Weise sein ganzes Leben. Er weiß, dass es für ihn kein Leben außerhalb der Universität geben kann. Er weiß, dass er nur dieses Leben leben kann und kein anderes. Seine Karriere ist unspektakulär. Aber vielleicht ist er ein großer Lehrer. Würden wir William Stoner erkennen, wenn wir ihn an unserem eigenen Arbeitsplatz in einem Büro am anderen Ende des Ganges treffen?

Und dann ist da noch Grace, vor allem Grace – seine Tochter. Ihr fühlt er sich vom ersten Tag ihrer Geburt an so nahe, so verbunden und seelenverwandt, dass sie ihm bis zum Schluss ein filigraner Haltegriff im Leben bleibt. Edith zieht sie früh fort von ihm, richtet sie ab und entfremdet sie. Und der Schmerz darüber zieht sich durch Stoners Leben wie der ununterbrochene hauchdünne Schnitt jener Rasierklinge, die wir schon kennen. Als Erwachsene sieht er sie kaum noch. Er weiß, dass sie trinkt, und er sieht es ihr an. Kurz vor Stoners Tod sehen sie einander. Und wir hören seine Tochter sagen:
»Armer Daddy«, sagte Grace, und das brachte ihn in die Gegenwart zurück. »Armer Daddy, das Leben war für dich nicht einfach, oder?«
Einen Moment dachte er nach und erwiderte dann: »Nein, aber ich glaube, das hätte ich auch nicht gewollt.«
Bevor ganz am Ende ein Buch »in die Stille des Zimmers« fallen wird, denke ich mir: Könnte man nicht auch über Edith oder über Grace schreiben, mit der gleichen Eindringlichkeit und mit ähnlich subtilem Blick für das Glück und Unglück ihres Lebens? Könnte das Buch auch »Edith« heißen - oder »Grace«? Wurde es möglicherweise sogar geschrieben? Vielleicht sollten wir nach ihm suchen. In jenen vergessenen Archiven der Literatur, in denen auch »Stoner« jahrzehntelang verschollen war.

John Williams, Stoner, dtv 2013 (aus dem Englischen von Bernhard Robben)