Dienstag, 25. August 2015

Soll das Volk zurücktreten?

Wenn über Jahre Gewitterwolken am politischen Horizont aufziehen, die aber gerade noch weit genug weg sind, um nicht in eine Höhle flüchten zu müssen, - bei einem solchen Wetter also werden die Worte mitunter scharf, die Gedanken aber trübe und das Herz schwer. Wenn schon nicht die Politiker zurücktreten, denke ich mir, dann sollten doch wenigstens wir, das Volk, zurücktreten. Unsinn? Natürlich. Grober Unfug. Der Rücktritt des Bürgers ist nur möglich durch vollkommene Ignoranz oder Tod. Und nur letzteres gelingt allen. Aber bis dahin ist noch Zeit. Und diese will verbracht sein: freudvoll, sinnvoll, aufrecht. Und vielleicht hinter einem Blog, inmitten herumtanzender Tweets. Oder mit grimmigem Blick auf ein zu befüllendes Kommentarfeld. Oder auch nur mit zittrigem Finger, der einen Like-Button erreichen will.

Ich habe noch nie so viele Rücktrittsaufforderungen in meiner Timeline gelesen wie in den letzten Wochen. Auch ich selbst habe eine geschrieben. Zurückgetreten ist freilich niemand. Und es wird auch niemand tun. Nicht einmal wir, das Volk, werden zurücktreten. Was wird passieren? Was sollte passieren? Wir, das Volk, können nicht zurücktreten. Aber wir können und müssen antreten - als Politiker.

Komfortabel und lustvoll ist es ja schon: Bei Kaffee oder einem Glas Wein lasse ich meine Finger über die Tastatur gleiten und verteile im Netz mehr oder weniger gleichmäßig spitze, giftige und unglaublich gescheite Kommentare zur Politik in diesem Land – Rücktrittsaufforderungen inklusive. Sollte ich oder sollte man damit aufhören? Keinesfalls. Politik braucht Aufmerksamkeit, Anteilnahme und Kritik. Und Politiker müssen das aushalten und auch wollen.

Nur eines – und das wird mir gerade in den Tagen der Flüchtlingsdiskussion schmerzlich bewusst – eines darf nicht sein: dass ich es dabei bewenden lasse, dass ich im Wohlgefühl, doch eh das Richtige irgendwo gesagt zu haben, am Sofa einschlafe. Ich muss mehr tun. Und damit meine ich gar nicht ein Engagement in der Sache selbst: Toilettenartikel oder Geld zu spenden, mich als Deutschlehrer zur Verfügung zu stellen oder einen Flüchtling zu Hause aufzunehmen. All das ist wichtig, richtig und bis zu einem gewissen Grad auch menschliche Pflicht.

Aber ich meine etwas Anderes. Ich rede von einem Engagement im politischen System, in den Institutionen, in den Organisationen, in den Gremien und Ausschüssen. Soll das etwa heißen, dass ich jetzt mit einer Vorfeldorganisation Kontakt aufnehmen soll, um mich dann durch die Bezirks- und Landesinstanzen durchzubeißen, bevor ich Bundeskanzler oder gar Präsident werden und alles besser machen kann? Ja, das soll es heißen. Aber das geht sich doch nie aus! Und außerdem ist die Politik ein dermaßen schmutziges, opportunistisches und den Charakter korrumpierendes Geschäft, dass ich dafür doch nicht mein Leben aufs Spiel setze. Das überlasse ich lieber den Selbstdarstellern dieser Republik. Ach ja?

Freilich, die wenigsten erreichen ein Nationalratsmandat. Fast niemand wird Minister, Bundeskanzler oder Präsident. Aber irgendwo in den Kaskaden, Nischen und Hinterzimmern des republikanischen Apparates muss ich meinen Mund aufmachen und Verantwortung übernehmen, wenn ich mich und meine politische Haltung ernst nehmen möchte. Was wird geschehen? Was werde ich tun? Jedenfalls bleibt es, bis das entscheiden ist, ein wunder und immer wieder schmerzender Punkt in meiner bloß politisch-rhetorischen Tatkraft, die mir – bei aller berechtigen Kritik – Respekt für jene Menschen abringt, die politisch tatsächlich etwas tun.

Donnerstag, 6. August 2015

Helfen ohne Herz.

Das ist ein Denkversuch, kein Plädoyer. Es geht, wie so oft in diesen Tagen, um die Flüchtlingsfrage. Kann da in der veröffentlichten und geposteten Meinung bloß die Herzensgüte gegen den blindwütigen Hass antreten? Einer der Dreh- und Angelpunkte dieser rechtspopulistisch verwahrlosten Diskussion ist beispielsweise das Wort »Gutmensch«, ein durch und durch widerwärtiger und denunzierender Begriff. Ich denke aber, dass man diesem Thema jede Emotion entziehen kann und noch immer zum Ergebnis kommen würde, dass es sinnvoll und notwendig ist, Flüchtlinge aufzunehmen, und zwar im eigenen Interesse. Man braucht dazu keine Empathie und Herzensgüte. Es genügt, einigermaßen bei Verstand zu sein - die Realität zu kennen und folgerichtig denken zu können.

Stellen wir uns vor, wir würden die Grenzen dichtmachen, Mauern errichten und alle Flüchtlinge so gut es geht von Österreich fernhalten. Gut, die Menschen ziehen weiter. Vorerst. Sie klopfen an die Tore anderer Länder. Doch diese haben die Türen auch geschlossen, sie haben Mauern gebaut und versuchen jeden Flüchtling so gut es geht fernzuhalten. An dieser Stelle ist anzumerken: nur grandios realitätsferne Menschen würden glauben, dass die Flüchtlinge nun nach Hause zurückkehren. Auf Geister dieser Art würde eine Bemerkung von Alexander von Humboldt gut passen, der meinte: »Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.«

Die wenigsten würden heimkehren. In ihrer Not würden sie lernen, die aufgebauten Mauern zu überwinden. Gut, bauen wir höhere Mauern. Menschen in Not lernen rasch. Bald überwinden sie auch diese. Wir bauen weiter, immer höher und höher. Und irgendwann werden wir so viel Geld für Mauern ausgegeben haben, dass das Land dahinter vollkommen verwahrlost und verarmt ist. Es will gar niemand mehr kommen. Die Mauern sind unnütz. Aber wir, wir würden jetzt gerne fluchtartig unser Land verlassen. Wird uns jemand aufnehmen?


Wie gesagt: ein Denkversuch, kein Plädoyer. Wir können - wenn wir nur diszipliniert genug sind - ohne Emotion diskutieren. Aber wir können nicht ohne Empathie und Herzensgüte leben. Neben Klarheit im Denken sind Empathie und Herzensgüte die tiefsten Wurzeln eines gelingenden Lebens. Das Herz hilft uns, wenn wir den Verstand verlieren. Am besten nutzen wir beides.

Montag, 5. Mai 2014

Bücher retten Leben

John Williams schrieb in den 1960er Jahren einen der erstaunlichsten Romane des 20. Jahrhunderts: »Stoner«. Das Buch erschien 1965 in New York und wurde praktisch im selben Jahr wieder vergessen. Erst ein knappes halbes Jahrhundert später wurde es aus einem Regal vergessener Archive gezogen und erlebte einen Durchbruch. Ich selbst stieg kürzlich eines Abends in das Auto und hörte im Radio die letzten Minuten einer Sendung, in der über dieses Buch gesprochen wurde. Ich stieg aus, kaufte es und begann zu lesen.

Wir betreten mit den ersten Seiten Grundstück und Haus einer Farm im tiefsten Missouri, auf der Stoner als einziges Kind seiner Eltern in ärmlichen Verhältnissen aufwächst. »Solange William Stoner sich erinnern konnte, hatte er Pflichten zu erledigen«, heißt es gleich irgendwo zu Beginn. Die Sprache wirkt einfach. Aber sie bewirkt nichts Einfaches. Wenn man genauer sein will - und das sollte man -, dann muss man sagen: Die Sprache ist von eindringlicher Klarheit. John Williams braucht nur wenige Zeilen, um das Leben auf der Farm fühlbar zu machen:
Es war ein einsamer Hof, auf dem er das einzige Kind blieb, doch die Not der täglichen Plackerei hielt den Haushalt zusammen. Abends saßen die drei beim Licht der Petroleumlampe und starrten in die gelbe Flamme; der einzige Laut, den man in der knappen Stunde zwischen Abendbrot und Bett hören konnte, war meist nur das Räkeln eines müden Körpers auf einem harten Stuhl oder das leise Knarren eines Pfostens, der sacht unter dem Alter des Mauerwerks nachgab.
William Stoner schließt 1910 die Highschool ab, und wir sehen ihn an einem Frühlingsabend mit seinem Vater am Tisch sitzen:
Eines Abends ..., nachdem die beiden Männer den ganzen Tag lang Mais gehackt hatten, richtete sein Vater, nachdem das Abendbrot abgeräumt worden war, in der Küche das Wort an ihn.
»Der Viehhändler kam letzte Woche.«
William blickte von dem ordentlich mit einem rot-weiß karierten Wachstuch bedeckten runden Küchentisch auf, sagte aber nichts.
»Angeblich gibt’s ein neues Institut an der Universität Columbia. Heißt Landwirtschaftscollege. Meinte, du solltest hin. Dauert vier Jahre«
»Vier Jahre‘, sagte William. ‚Kostet das was?«
Dann sehen wir, wie Stoner »auf dem im Licht der Lampe matt schimmernden Tischtuch« seine Hände spreizt, und hören ihn fragen:
»Glaubst du denn, du kommst hier allein zurecht?«
»Deine Ma und ich, wir schaffen das schon ...«
William sah zu seiner Mutter hinüber. »Ma?«, fragte er.
Mit tonloser Stimme antwortete sie: »Du tust, was dein Pa dir sagt.«
Und so beginnt Stoner zu studieren. Vor und nach den Collegestunden arbeitet er auf der Farm von Verwandten nahe Columbia. Nachts lernt er. Die natur- und agrarwissenschaftlichen Fächer fallen ihm leicht. »Nur der vorgeschriebene Einführungskurs in die englische Literatur«, wie wir erfahren, »verstörte und beunruhigte ihn auf eine Weise wie nichts zuvor.« Aber genau das wird ihm nun Bestimmung und Schicksal. Er wechselt in das Fach Literaturwissenschaft und beschließt nach einigem Zögern, nicht auf die Farm zurückzukehren. Seinen Eltern erzählt er erst spät davon. Und in dieser Szene erleben wir einen jener seltenen Momente, in denen seine Mutter für uns greifbar wird:
Seine Mutter hielt ihm das Gesicht zugewandt, sah ihn aber nicht an. Sie kniff die Augen zusammen, presste die geballten Fäuste an die Wangen, atmete schwer, und ihre Miene war wie vor Schmerz verzerrt. Erstaunt begriff Stoner, dass sie weinte, stumm und aus tiefstem Innern, mit all der Scham und Verlegenheit eines Menschen, der selten weint.
John Williams entwickelt das Geschehen in der nüchternen Sprache eines Berichts. Doch dieser schnörkellose Bericht erreicht eine sprachliche Kraft und Eindringlichkeit, die uns vom ersten Augenblick an in den Text hineinzieht wie in ein tiefes Wasser. Nur manchmal tauchen wir auf, in Panik, weil uns die Luft ausgeht und die Lungen schmerzen.

Wir folgen dem Bericht eines Lebens, das wir nicht ertragen könnten oder wollten. Auf rätselhafte Weise fühlen wir uns ihm aber nahe. Macht uns das etwa mehr Angst als das unglückliche Leben von Stoner selbst? Nach dem Studium verliebt er sich und heiratet. An dieser Stelle würden wir am liebsten aufspringen, die Arme in die Höhe reißen und ihn warnen. Aber wir bleiben sitzen und lesen weiter.

Von Edith, seiner Frau, erfahren wir kaum etwas. Jedenfalls beinahe nichts über ihre Beweggründe. Diese Figur ist ebenso schrill, wie sie im Dunkeln bleibt. Jedenfalls ist Ediths Lieblosigkeit ihm gegenüber dermaßen vehement, dass wir das Gefühl haben, unsere Lippen langsam und mit leichtem Druck über die Schneide einer Rasierklinge zu ziehen, während wir den Bericht über ihr Zusammenleben lesen. Die Szenen, in denen sie ihn offen terrorisiert, wirken da beinahe erholsam. Denn in ihnen zeigt sich wenigstens irgendeine Nähe, irgendein Gefühl. Und doch findet Stoner ein schmerzliches Glück. Nur mit einer anderen Frau? Oder auch mit Edith, am Ende?

Seine Laufbahn an der Universität ist alles andere als glanzvoll. Er wird Assistenzprofessor, und seine Karriere stagniert praktisch vom ersten Tag an bis zu seinem Tod. Und doch trägt diese Universität in zärtlicher und leidenschaftlicher Weise sein ganzes Leben. Er weiß, dass es für ihn kein Leben außerhalb der Universität geben kann. Er weiß, dass er nur dieses Leben leben kann und kein anderes. Seine Karriere ist unspektakulär. Aber vielleicht ist er ein großer Lehrer. Würden wir William Stoner erkennen, wenn wir ihn an unserem eigenen Arbeitsplatz in einem Büro am anderen Ende des Ganges treffen?

Und dann ist da noch Grace, vor allem Grace – seine Tochter. Ihr fühlt er sich vom ersten Tag ihrer Geburt an so nahe, so verbunden und seelenverwandt, dass sie ihm bis zum Schluss ein filigraner Haltegriff im Leben bleibt. Edith zieht sie früh fort von ihm, richtet sie ab und entfremdet sie. Und der Schmerz darüber zieht sich durch Stoners Leben wie der ununterbrochene hauchdünne Schnitt jener Rasierklinge, die wir schon kennen. Als Erwachsene sieht er sie kaum noch. Er weiß, dass sie trinkt, und er sieht es ihr an. Kurz vor Stoners Tod sehen sie einander. Und wir hören seine Tochter sagen:
»Armer Daddy«, sagte Grace, und das brachte ihn in die Gegenwart zurück. »Armer Daddy, das Leben war für dich nicht einfach, oder?«
Einen Moment dachte er nach und erwiderte dann: »Nein, aber ich glaube, das hätte ich auch nicht gewollt.«
Bevor ganz am Ende ein Buch »in die Stille des Zimmers« fallen wird, denke ich mir: Könnte man nicht auch über Edith oder über Grace schreiben, mit der gleichen Eindringlichkeit und mit ähnlich subtilem Blick für das Glück und Unglück ihres Lebens? Könnte das Buch auch »Edith« heißen - oder »Grace«? Wurde es möglicherweise sogar geschrieben? Vielleicht sollten wir nach ihm suchen. In jenen vergessenen Archiven der Literatur, in denen auch »Stoner« jahrzehntelang verschollen war.

John Williams, Stoner, dtv 2013 (aus dem Englischen von Bernhard Robben)

Donnerstag, 27. März 2014

Unsinn ist schlichtweg unsinnig.

Herr Mölzer hat also wieder einmal ein Tor geschossen. Eine starke Leistung? Naja. Das Tor war leer. Überhaupt waren die Mannschaften in der Kabine und das Publikum hauptsächlich am Klo. Es war eben gerade Pause.

Aber das ist jetzt seine Chance. Der Mölzer Andi nimmt sich also eine alte Lederwuchtl, legt sie zwei Meter vor die Torlinie, läuft an, haut drauf und … trifft. Immerhin. Die EU, so der Mölzer Andi, sei so überreguliert und deshalb eine Diktatur, die die Menschen unfrei macht. Dagegen sei ja "das Dritte Reich wahrscheinlich formlos und liberal" gewesen, so der Mölzer Andi, der dann noch das Wort „Negerkonglomerat“ heraufrülpst, weil er die Kohlensäure vom Bier nicht verträgt.

Jetzt kommen die Spieler wieder aufs Feld und auch das Publikum ist vom Klo zurück. Die gewohnte Rhetorik-Choreografie kann beginnen: vereinzelte Buhrufe, Betroffenheit, Empörung. Der Schiri soll ihn ausschließen, so die fast einhellige Meinung. Insgesamt mündet alles in das lauwarme Bacherl des schon ein wenig gähnend vorgebrachten und beinahe gesamtösterreichischen Grundkonsenses, der sich gerne wie folgt ausdrückt. „Aber das ist ja eine Verharmlosung der Nazi-Verbrechen.“ Na bum! Das Aufregungstheater ist kurz und schlecht besucht.

Eine Verharmlosung? Ich finde, der Herr Mölzer hat gar nichts verharmlost. Er hat schlichtweg Unsinn geredet. Warum sagt man nicht einfach: Ja richtig, eine entwickelte Demokratie, die verschiedene Interessen und Gruppierungen in Meinungs- und Willensbildungsprozesse sowie Entscheidungen miteinbezieht, hat nun einmal mehr und komplexere Regeln als eine Diktatur, die nach einer einfachen Mechanik funktioniert: Du tust das, was ich sage, sonst ist die Rübe ab. Dass das so ist, lernen bei uns schon die Kinder in der Volksschule. Haben Sie da etwa gefehlt, Herr Mölzer?

Mir ist bewusst, dass gegen primitive, rechts-populistische Geisteshaltungen kein rasch wirksames Kraut gewachsen ist. Aber vielleicht gelingt es durch eine Reaktion dieser Art eher, den Herrn Mölzer als das dastehen zu lassen, was er ist: ein Blödmann in einem bildungsfernen Parteiumfeld.

Donnerstag, 30. Januar 2014

Pablo Neruda - Dichtung und Politik

 
Drei Wochen in Chile haben mich Pablo Neruda näher gebracht. Eigentlich das erste Mal. Bisher hatte ich da und dort einen Vers gelesen und manches über ihn: Neruda der Kommunist, Neruda der Nobelpreisträger. Mehr Lexikonwissen als echter Eindruck. In Chile las ich ihn nun zum ersten Mal. Las ihn wirklich, langsam. Dass man beides - Dichter und Politiker - in so reiner Form sein kann, erstaunte mich. Ich hielt es für unglaubwürdig. Denn auf den ersten Blick widerspricht es einander. Auch auf den zweiten. Aber ich las weiter und gewann Vertrauen. Wir sollten ihn öfter lesen. Hören wir ihm jetzt ein paar Augenblicke zu, entlang seiner Memoiren »Ich bekenne, ich habe gelebt.«
 
»Der Dichter darf sich nicht vor dem Volk fürchten.«
 
Und viele Stunden später heißt es:
 
»Ich will in einer Welt ohne Exkommunizierte leben. Ich werde niemanden exkommunizieren. Ich werde morgen auch nicht zu dem Priester sagen: ‚Sie können niemanden taufen, weil sie Antikommunist sind.‘ Ich würde auch nicht zu dem Nächsten sagen: ‚Ich werde Ihr Gedicht, Ihre Schöpfung nicht drucken, weil Sie Antikommunist sind.‘ Ich will in einer Welt leben, in der die Menschen nur menschlich sind, ohne jeden anderen Titel als diesen, ohne sich eine Regel in den Kopf zu setzen, ein Stichwort, ein Etikett. Ich will, dass man alle Kirchen betreten darf, alle Druckereien. Ich will, dass man niemanden mehr vor dem Bürgermeisteramt auflauert, um ihn festzunehmen oder auszuweisen. Ich will nicht, dass einer per Gondel fliehen muss, dass einer auf dem Motorrad verfolgt wird. Ich will, dass die große Mehrheit, die einzige Mehrheit, dass alle reden können, lesen, hören, gedeihen. Ich habe den Kampf nie anders verstanden, als dass er ende. Ich habe die Strenge nie anders verstanden, als dass es keine Strenge mehr gebe. Ich habe einen Weg gewählt, weil ich glaube, dass dieser Weg uns alle zu dauernder Freundlichkeit führt. Ich kämpfe für diese allgegenwärtige, ausgreifende, unerschöpfliche Güte.«
 
»Es ist wahr: die Welt wäscht sich nicht rein, von Kriegen und von Blut, sie legt den Hass nicht ab, es ist wahr. Es ist aber gleichfalls wahr, dass allmählich eines offenkundig wird: Die Gewalttäter erblicken sich im Spiegel der Welt, und ihr Gesicht ist nicht einmal für sie selber schön.
Ich glaube nach wie vor an die Möglichkeit der Liebe. Ich habe die Gewissheit, dass die Verständigung zwischen den Menschen möglich ist über Schmerzen hinweg, Blut und zerbrochenen Scheiben.«

Freitag, 13. Dezember 2013

Die Regierung gibt schon ihr Bestes

Nachdem bald alles von allen gesagt worden sein wird, und es niemanden gibt, der das nun vorliegende Ergebnis nicht befürchtet oder zumindest geahnt haben wird, kann ich kaum noch etwas sagen. Nur eines vielleicht. Auch wenn es bestürzend und beängstigend ist, aber wir müssen wohl akzeptieren, dass die Regierung bereits ihr Bestes gibt. Mehr ist da nicht drin. – Fragt sich bloß: Sollten wir nicht als Bürger besser werden? Schärfer denken? Klarer reden? Mutiger handeln? Besser wählen?

Sonntag, 8. Dezember 2013

Das Weinviertel ist nicht nur dort

Trinken ist ausdrücklich erwünscht. Jimmy Schlager ermuntert sein Publikum gerne gleich zu Beginn. Oder jedenfalls kann man es so verstehen. Denn man weiß, er verträgt vieles, fast alles, »nur ka Wasser ned«. Immerhin heißt es ja Weinviertel und nicht Wasserviertel. Seine Bühne ist aber nicht nur die Bühne. Vermutlich ist sie das selten. Seine Bühne findet sich eher zwischen den Wirtshaustischen - wenn es solche noch gibt. Und wenn er am Rande einer Tafel singt, dann steht er dieser eigentlich vor. Dann sitzt man selbst auf der Bühne, begafft sich eindringlich und ertappt sich auf Schritt und Tritt, auf Schluck und Biss. Im Lachen wundert man sich, dass man lachen kann, und freut sich darüber. Denn die Erkenntnis, dass man kein Held ist, befreit ungemein – in Lignano ebenso wie in Wien.

Hören wir da Trinklieder? Ja, Trinklieder sind es allemal. So dürfen wir mithören, wie lustvoll und zielsicher er mit dem Wunsch nach einer „Frau zum Wein“ den schmalen Grat der Political Correctness verfehlen kann und will. Und dann gleich noch einmal, von der anderen Seite. Wenn wir ein paar Lieder später nämlich die Gerti kennenlernen, dann wissen wir eines ganz sicher: Die Gerti wünscht man sich nicht zum Wein, denn die sauft selber mit. Tänzelt Jimmy Schlager da etwa die Grenze des guten Geschmacks entlang, oder schwankt er sogar? Wie gesagt, wir lachen und sitzen selbst auf der Bühne.

Mit feinerem Ohr und Herz hören wir aber mehr, mehr als das. So ist „Mein GV“ nicht nur eine zarte Liebeserklärung an den Grünen Veltliner, es zeigt uns, dass man in einem Geschmack zu Hause sein kann, dass er eine Heimat ist, die mit anderen nicht zusammenstößt, sondern anstoßen will, ganz egal, was im Glas ist. So bezaubernd geht es freilich nicht immer zu. Wir sind – und das bringen Trinklieder mit sich – auch in die Tiefen und Untiefen der Gosse unterwegs und ans Lebensende. Wenn in Raimund‘scher Tonfolge das Schicksal aber nicht den Hobel, sondern den grünschimmernden Doppelliter ansetzt, dann merkt man erst, wie schnell der leer ist, und dass wir im letzten Hemd ohne Brand in der Kehle daliegen. Kein Trost?

„Bei uns dahaam“ liegt mir der Trost auch fern. Oder ist er doch ganz nahe? Dass sich der Opa am Parkplatz vom Hofer verfahren hat und das Enkerl schon wixen kann und es gleich der Oma erzählt, ist ein zweifelhafter Trost, aber komischerweise kann es einer sein. Vielleicht auch deshalb, weil man Tom Waits‘ Neighborhood niemals im Weinviertel vermutet hätte. Aber es ist dort. Und Jimmy Schlager hätte es nicht besser zeichnen können.

Während wir das letzte Glas austrinken, hören wir jetzt mehr als nur ein Trinklied. Wir hören eine starke und warmherzige Stimme aus dem Weinviertel, die weiß, dass hier keiner Recht behalten wird – im Wirtshaus nicht und nicht in Lignano, auf der Südosttangente ebenso wenig wie am Klo und anderswo auch nicht. Aber wir können unseren Blick liebevoll schärfen, unseren Blick für Menschen, denen wir Untertags begegnen, mit oder ohne Glas, im Weinviertel oder ganz woanders. Und wir können einfach innehalten und die Welt sich mal weiterdrehen lassen. Kann schon sein, dass jemand, der den Grünen Veltliner liebt, auch die Menschen liebt. Und es kann auch sein, dass wir öfter fragen sollten: „Werden Sie gestreichelt?“ Jedenfalls sollten wir dem Jimmy Schlager immer wieder zuhören, - aufmerksam, besoffen, liebevoll und lachend.

www.jimmyschlager.at