Montag, 29. Februar 2016

Die unerträgliche Leichtigkeit des Meinens

Vorsicht! Diese Gedanken sind unzeitgemäß. Sie sind überspitzt, erscheinen in ihrem Anspruch naiv und sind möglicherweise gerade hier unangebracht. Oder doch nicht?

In Zeiten, in denen nichts ungesagt und nichts unveröffentlicht bleibt, herrscht kein Mangel an Meinungen. Kaum etwas bleibt unkommentiert, nichts ungepostet. Terabytes an Meinungen stolpern durch die Datenleitungen, füllen unsere Bildschirme, erhitzen unsere Köpfe und pressen unser wallendes Blut wieder zurück in den ächzenden Kreislauf des Datennetzes. Haben wir dadurch mehr Meinungsvielfalt? Standhaftere Charaktere? Eine couragiertere und konstruktivere Zivilgesellschaft? Es erscheint mir zumindest fraglich. Denn im Kreuz- und Querschreien der Meinungen wird kaum noch etwas gehört.

Wie viel Mühe nehme ich auf mich, um eine andere - vielleicht sogar radikal andere - Meinung zu verstehen, ehe ich den eigenen Standpunkt in die Tastatur hämmere? Von welchen Fakten gehe ich aus? Habe ich sie überprüft? Habe ich meinen Gedankengang kritisch in Frage gestellt - seine Folgerichtigkeit, die Voraussetzungen, von denen er ausgeht, und wohin er führt? Habe ich zumindest versuchsweise die Gegenposition eingenommen und auch diese geprüft – ihre Folgerichtigkeit, ihre Prämissen, ihre Folgen? Mag sein, dass ich bei meiner Meinung bleibe. Mag sein, dass ich sie verwerfe. Mag auch sein, dass sie mir fragwürdig wird, und ich sie noch zurückhalte. Ganz sicher verliere ich so Zeit im minutenschnellen Wettstreit der Meinungen. Aber ich gewinne Qualität und Wertschätzung in der Auseinandersetzung.

Das ist kein Plädoyer für das Verstummen. Und es ist schon gar kein Plädoyer für eine Einschränkung der Meinungsfreiheit. In einer demokratischen und offenen Gesellschaft gibt es keine rechtmäßige Instanz, die über die zulässige Qualität einer Meinung entscheiden kann. Das liegt allein in der Verantwortung jedes Einzelnen. Insofern ist es ein Plädoyer, das sich ausschließlich an den Einzelnen richtet. Es ist ein Plädoyer dafür, innezuhalten, zuzuhören und verstehen zu wollen.

Meinungsfreiheit kann auch bedeuten, auf einen Kommentar zu verzichten. Weil ich dem anderen Raum geben möchte, um ihn besser verstehen zu können. Weil ich meine Pflicht einlösen möchte, mich vorher zu informieren, bevor ich mein Recht auf freie Meinungsäußerung in Anspruch nehme.

Donnerstag, 21. Januar 2016

Die Obergrenze und der freie Fall

Es ist erstaunlich, wie gut es dem bisher noch unbegrenzten Flüchtlingsproblem gelingt, die Grenzen von Intelligenz und Charakter der politischen Akteure offenzulegen. Da stopfen erwachsene und gewählte bzw. ernannte Bürger auf offener Bühne ihre Sprechblasen in dermaßen verbogene Redewindungen, dass dem Zuhörer vor lauter Unsinn der Kopf zu schmerzen und die Haut zu jucken beginnt. Da sitzt eine auf die Verfassung vereidigte Ministerin in einem Fernsehstudio, die allen Ernstes die »juristische Seite beiseitelassen« und nur auf die Fakten schauen möchte – und schaut dann haarscharf an den Fakten vorbei. Neben dem humanitären Aspekt gibt es drei wesentliche Gründe bzw. Fakten, warum diese Obergrenzen-Rhetorik einen Tiefpunkt der kulturellen Entwicklung darstellt.

Erstens: Realitätsferne. - Die Regierung agiert wie eine Wohngemeinschaft, die im Badezimmer einen Rohrbruch feststellt und die Tür zumacht, damit das Wasser nicht ins Wohnzimmer rinnt. Dort ist’s nämlich noch recht trocken und gemütlich. Der einzige Sinn einer Obergrenze – und das wird auch offen zugegeben – ist es, Druck aufzubauen und einen Dominoeffekt auszulösen, der die Flüchtlinge zurück nach Griechenland oder sogar in ihre kriegsgeschüttelte Heimat spült. Aber werden sie dortbleiben? Oder werden sie – mit der Hilfe hochbezahlter Schlepper - andere Wege nach Europa suchen? Gut möglich, dass wir uns auf der oberbegrenzten Österreich-Couch ein paar Stunden ausruhen können. Aber wenn wir aufstehen – beispielsweise um uns ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen – werden wir knöcheltief im Wasser stehen.

Zweitens: Verlust der politischen Kultur. – Natürlich gibt es eine »faktische Obergrenze«. Wenn nämlich alle Flüchtlinge der Welt nach Österreich kommen, dann würde das tatsächlich nicht funktionieren - jedenfalls nicht gut. Andere Staaten müssen auch helfen. Das funktioniert aber in Europa bekanntermaßen nicht. Deshalb – so die äußerst begrenzt smarte Idee – müsse man durch nationale Obergrenzen Druck auf die EU ausüben, um eine europaweite Lösung zu erzwingen. Druck erzeugt Gegendruck und Schäden im System, aber keine tragfähigen Lösungen. Wer meint, politische Lösungen durch Druck und Gewaltmaßnahmen erreichen zu können, hat das Feld des politischen Dialogs bereits verlassen. Es gibt nur eine Alternative zu einer europäischen Lösung: Das Zerbrechen der Europäischen Union. Die Obergrenzen-Rhetorik leistet dafür einen nachhaltigen Beitrag.

Drittens: Verlust der Rechtskultur. - Mag sein, dass die von der Regierung eingesetzten Rechtsgelehrten nach einigem Biegen und Beugen eine Obergrenzen-Lösung formulieren, mit der wir uns aus den allergröbsten Rechtsbrüchen eine Zeitlang herausreden können. Dazu zählen auch unverfrorene Schlitzohrigkeiten wie: Wir bearbeiten Asylanträge halt einfach nicht. Mag sein, dass das gelingt. Aber damit werden wir dann nicht nur das Feld des politischen Dialogs verlassen haben, sondern auch das Terrain der Rechtskultur. Geradlinige Rechtsstaatlichkeit ist vermutlich die größte Kulturleistung der menschlichen Zivilisation. Kant bezeichnete mit unkonfessionellem Blick das Recht als »den Augapfel Gottes auf Erden«. Wenn europäischen Staaten ihre geradlinige Rechtskultur aufgeben, dann ist Europa nicht nur eine taumelnde Gemeinschaft, sondern als Gesellschaft im freien Fall - ins Bodenlose.

Mittwoch, 6. Januar 2016

Flüchtige Obergrenzen und österreichischer Schludrian

Die österreichische Politik ist uneins, ob Obergrenzen für Flüchtlinge eingeführt werden sollen. Die einen fordern es, die anderen sind empört und wieder andere entlarven es als nutzlose Scheinaktivität. Österreich wäre allerdings gut beraten, auf die Einführung von Obergrenzen zu verzichten. Dafür gibt es juristische, humanitäre und praktische Gründe. Aber der wesentlichste Grund ist tief in der österreichischen Mentalität verwurzelt. Österreich ist gerade nicht dafür bekannt, Regeln und Richtlinien konsequent umzusetzen.

Die einzige Logik, die eine Obergrenze haben kann, ist die der Abschreckung. Man verspricht sich davon, dass Flüchtlinge Länder mit Obergrenzen meiden. Doch bevor die Nachricht von einer Obergrenze Syrien, Afghanistan oder den Iran erreicht, sind die Menschen schon unterwegs. Rasch stehen mehr vor unserer Tür, als wir gemäß Obergrenze aufnehmen wollen.

Und jetzt wird’s österreichisch: „Na wegn de poar werd‘ ma a net zgrund gehen. De los ma a no eine. Ha, wos manst?“ Die nächste Kunde, die Syrien, Afghanistan oder den Iran erreicht, ist: Die Österreicher nehmen es mit der Obergrenze eh nicht so genau. Und so hätten wir den Schaden, den Spott – und ein paar Prozent mehr für die FPÖ bei den nächsten Wahlen.

Freitag, 25. September 2015

Toleranz ist keine Dekoration

Toleranz ist keine einfache Sache. Toleranz ist die wohl schwierigste Haltung überhaupt. Denn sie muss sich dort beweisen, wo es am schwierigsten ist, wo es uns am meisten weh tut. Sie muss sich an einer Meinung, an einer Lebenseinstellung oder Werthaltung beweisen, die der jeweils eigenen radikal widerspricht. Dort nämlich, wo es uns leicht fällt, wo es bloß um eine mehr oder weniger große Variation eigener Einstellungen geht, dort ist Toleranz sehr oft bloße Attitüde, bildungsbürgerliche Folklore oder seelische Dekoration.

Dort aber, wo wir auf unser Gegenteil stoßen, wo wir auf das aus unserer Sicht Barbarische treffen, dort werden die tiefliegenden Nervenbahnen unserer Toleranz offengelegt. Wir werden harsch aus Selbstverständlichkeiten gerissen, und wir bemerken, dass unser Verständnis von Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenrechten nicht überall geteilt wird. Wir bemerken, dass unser globaler Anspruch, in all diesen Fragen im Recht zu sein, nicht überall Wirklichkeit ist. Wir bemerken, dass die Decke der Zivilisation nicht nur dünn ist, sondern auch zu kurz für die ganze Welt.

Wie muss unsere Toleranz mit Intoleranz umgehen? Gibt es Null-Toleranz gegenüber Intoleranz? Wie geht die Demokratie mit ihren Feinden um? Lässt sie sie gewähren? Oder setzt sie sich zur Wehr und schützt sich – nötigenfalls auch mit Gewalt, mit Intoleranz, mit autoritären Maßnahmen?

Keine Frage, wenn fundamentale Werte wie Freiheits- und Menschenrechte bedroht werden, dann muss man dem entschieden und energisch entgegentreten. Sobald man das aber tut, tritt man in eine Beziehung mit dem Barbarischen ein. Das radikal Andere gewinnt Einfluss, ob man will oder nicht. Um uns vor den Angriffen der Unfreiheit zu schützen, schränken wir unsere Freiheiten ein. Um unsere Menschrechte zu bewahren, weichen wir sie zum Teil auf. Man denke nur an Überwachungsmaßnahmen, die uns vor Terror schützen sollen. Sollte man das etwa nicht tun? Doch, sollte man.

Aber Abgrenzung allein hilft uns nicht. Bloße Abwehr schützt keinen Wert. Wir müssen einen Schritt auf das Andere, auch auf das Barbarische, zugehen, und wir müssen es verstehen wollen. Dieses Verstehen-Wollen - auch wenn es unmöglich scheint - ist eine der tiefsten Wurzeln von Toleranz. Verstehen wollen bedeutet nicht akzeptieren. Doch dieses Verstehen-Wollen gibt unserer Ablehnung Substanz. Dieses Verstehen-Wollen bewahrt uns davor, Toleranz und Ignoranz zu verwechseln. Und vielleicht bringt uns das auch einen Schritt weiter.
Ich erinnere mich dieser Tage an die Anschläge in Kopenhagen, im Februar dieses Jahres. Wie viele andere Radiostationen berichtete auch die BBC ausführlich und vielfältig darüber. In einem der Beiträge war ein kurzes Interview mit einer älteren Dänin zu hören. Sie legte Blumen am Tatort nieder. Doch sie tat es nicht dort, wo die Opfer starben, sondern dort, wo der Attentäter getötet wurde. Warum sie das tue, fragte der Reporter in bekannt trockenem BBC-Stil. Weil an allen anderen Plätzen schon so viele Blumen liegen würden, sagte sie. Freilich sei es falsch, was er getan habe. Er sei eine verirrte Seele gewesen, die in dieser Gesellschaft keine Chance hatte. Und sie hoffe, dass ihm sein Gott verzeihe. Sie hätte, so meinte sie, Mitleid mit seiner Familie und seinem kurzen Leben. Und welchen Einfluss würde diese Tat auf die dänische Gesellschaft haben? - wollte der Reporter wissen. Die Dame weinte leise hörbar und sagte: »Wir müssen toleranter werden - und liebevoller.«

Ja, diese Begebenheit ist eine Ausnahme. Sie beweist auch nichts. Aber sie zeigt, was dem Menschen möglich ist.

Dazu könnte man vieles sagen, erklären. Vielleicht sollte man das auch. Man kann sich aber auch nur an einen Gedanken erinnern, den Ingeborg Bachmann in einer Rede formuliert hat, 1959, vor Kriegsblinden in Köln: »Wer, wenn nicht diejenigen unter Ihnen, die ein schweres Los getroffen hat, könnte besser bezeugen, dass unsere Kraft weiter reicht als unser Unglück, dass man, um vieles beraubt, sich zu erheben weiß, dass man enttäuscht, und das heißt, ohne Täuschung, zu leben vermag. Ich glaube, dass dem Menschen eine Art des Stolzes erlaubt ist - der Stolz dessen, der in der Dunkelhaft der Welt nicht aufgibt und nicht aufhört, nach dem Rechten zu sehen.«

Sonntag, 20. September 2015

Muss Wien geopfert werden?

»Wählt blau, Genossen, und rettet das Land!« Zugegeben, das sind Nachtgedanken - düstere, bittere. Vielleicht ist es auch ein Albtraum, denn bekanntlich gebiert der Schlaf der Vernunft Ungeheuer. Aber bemühen wir dennoch unsere Vorstellungskraft.

Stellen wir uns also vor, die Wiener SPÖ verliert die kommende Wahl. Stellen wir uns außerdem vor, Herr Strache wird mit sattem Vorsprung Wiener Bürgermeister und die FPÖ regiert Wien. Sie dominiert den Gemeinderat, bildet den Stadtsenat uns sitzt an allen Schaltstellen der Macht. Stellen wir uns das alles einmal vor. Und stellen wir uns weiter vor, all das geschieht mit Absicht. Nicht so sehr von Seiten der FPÖ, sondern von Seiten ihrer Gegner, allen voran von Seiten der SPÖ.

Was wird geschehen? Die Jahre ziehen ins Land: 2016, 2017 ... Die Routineabläufe der Stadt werden weiterhin funktionieren, jedenfalls dort, wo es der rote Verwaltungsapparat zulässt. Da und dort wird es vielleicht Pannen geben, die für die Menschen ärgerlich sind und obendrein die Zweifel nähren, ob die Stadt nun tatsächlich gut verwaltet ist.

Das internationale Ansehen der Stadt geht zurück. Künstler und Kulturschaffende beginnen, einen Bogen um die Stadt zu machen. Internationale Wissenschaftler bleiben aus, und es wird schwieriger, sich an renommierten Projekten zu beteiligen. Die Wirtschaftsdaten zeigen nach unten. Große Unternehmenszentralen überlegen, Wien zu verlassen, da es zunehmend mühsamer wird, ausländische Arbeitskräfte in die Stadt zu holen. Es gibt bessere Plätze in Europa, um Karriere zu machen, Kontakte zu knüpfen und ein vielfältiges Leben zu führen.

Die Arbeitsmarktsituation wird immer angespannter. Ob die Kriminalitätsrate in Wien gleich geblieben oder gestiegen ist, darüber gibt es Streit mit dem Innenministerium. Die Flüchtlingsfrage ist nach wie vor ungelöst und durch die restriktive Haltung Wiens in den restlichen Bundesländern eskaliert. Der zunehmenden Obdachlosigkeit begegnet man mit systematischen Polizeieinsätzen und aufgrund der reduzierten Betreuungseinrichtungen steigt die Drogenkriminalität. Die U-Bahn fährt aber wie gewohnt. Die Müllabfuhr auch.

Wien ist zu einer großen Bühne geworden. Die ganze Stadt sieht den neuen Rathaus-Herren zu. Alle anderen Bundesländer auch, jedenfalls von Zeit zu Zeit. Ein bekanntes, aber neu bearbeitetes Stück wird aufgeführt: Das FPÖ-Personal verschafft sich gegenseitig Ämter, hievt sich in Machtpositionen und verteilt großzügig lukrative Positionen an die eigenen Leut´. Da sie ihr kultiviertes Facebook-Verhalten in den Politik-Alltag mitgenommen haben, wird der Umgang untereinander immer rauer und aggressiver, je näher sie den großen, aber eben doch beschränkten Futtertrögen der Stadtverwaltung kommen. Immer öfter geschieht es, dass ein Blauer mit blauen Augen den blauen Ring im Rathaus verlassen muss. Stadträte werden über Nacht hinausgeworfen, andere ernannt und dann bald wieder abgesetzt. In den Unternehmen der Stadt zeigt sich eine ähnliche Dynamik.

Es wird Sommer. Wir schreiben das Jahr 2018. Die Lügen der FPÖ sind als solche entlarvt, die Inkompetenz enttarnt, die Ahnungslosigkeit und Skrupellosigkeit unter Beweis gestellt. Das Publikum wendet sich ab, rauft sich die Haare oder verfolgt in Schockstarre das Bühnengeschehen. Die Umfragewerte der FPÖ haben sich mittlerweile bei 10 - 12% eingependelt. Das sind keine günstigen Voraussetzung für den beginnenden Nationalrats-Wahlkampf. Wer wird überhaupt Spitzenkandidat der FPÖ sein? Der Wiener Bürgermeister, der alle Hände voll zu tun hat seine Bande zu bändigen? Auf Bundesebene wird die blaue Truppe nun höchtens unter »ferner liefen« ins Ziel kommen. Österreich kann aufatmen. Wien hat das Land gerettet.

All das eine schreckliche Vorstellung? Aber was ist die Alternative? Die FPÖ landet bei der kommenden Wien-Wahl knapp hinter der SPÖ auf Platz 2 und hetzt drei Jahre lang eine »Rot & Co Koalition« vor sich her, ehe sie 2018 den Bundeskanzler stellt. Ist ein Opfer auf Zeit da nicht die bessere Wahl? Denn zwei Jahre später ist es ja auch für Wien so weit. Wien darf wieder wählen. Und Michi Häupls Nachfolger kann dann seinen Wienern zurufen: »So an Bledsinn mochts ma oba nimma!«

Donnerstag, 17. September 2015

Das Fremde und der Wohlstand

Das Fremde macht uns Angst. Das Fremde zieht uns aber auch an. Es fasziniert. Aber was bedeutet überhaupt fremd? Und wie viel Fremdes steckt in uns?

Menschen aus fernen Ländern und anderen Kulturen sind augenscheinlich fremd. Sie kleiden sich anders, verhalten sich anders. Sie beten, essen und lachen anders. Sie fallen auf.

Aber nicht nur sie sind fremd. Auch wir, die wir uns gut kennen, wir, die wir in derselben Stadt, im selben Dorf oder im selben Tal geboren sind, wir Altbekannten also sind uns oft äußerst fremd. Wir haben unterschiedliche Meinungen, konträre Ideen und Lebensentwürfe, verstörenden Gewohnheiten. Wir sind - könnte man sagen - sehr oft einander nicht grün.

Auch die Wege unsere Geschichte sind dicht gepflastert mit Fremdheiten aller Art. Das Christentum, das angeblich unsere Identität ausmacht, war vor knapp 2000 Jahren ein kulturfremder Import aus dem Nahen Osten und hierzulande ebenso fremd, wie es noch vor gut 100 Jahren die Demokratie war. Die Kartoffel rettete vielen unserer Vorfahren nach dem Dreißigjährigen Krieg das Leben und war als vollkommen fremde Pflanze nicht lange davor nach Europa gekommen. Gar nicht zu reden von der Eisenbahn. Die war uns nicht nur fremd, sie galt uns sogar als Teufelswerk. So warnte das bayrische Obermedizinalkollegium ganz eindringlich davor, da nicht nur das Besteigen, sondern schon der bloße Anblick einer Lokomotive eine Gehirnkrankheit auslösen könne. Wir sollten uns heute über die hirnliche Gesundheit dieses Kollegiums kein Urteil anmaßen, aber eines sollten wir uns klarmachen: Unsere Identität, unsere Kultur ist das Produkt von Fremdheiten.

Was Menschen betrifft, fordert man gerne und oft auch laut Integration. Fremde, so hört man zuweilen ohrenbetäubend, müssten sich an die Leitkultur, an die Mehrheitsgesellschaft anpassen. Doch Anpassung ist keine Integration. Anpassung ist Assimilation. Integration geht auf das lateinische Wort »integrare« zurück, das soviel bedeutet wie: wiederherstellen, erneuern, geistig auffrischen. Integration bedeutet also nicht, dass sich das Fremde an das Gewohnte anpasst. Integration bedeutet, dass das Fremde das Gewohnte verändert und umgekehrt. Integration bedeutet, dass etwas Neues entsteht. Integration bedeutet Innovation, Fortschritt und Wohlstand.

Hätte sich der Erfinder des Rades - so es ihn jemals gab - an die Mehrheitsgesellschaft bloß angepasst, würden wir noch immer am Boden sitzen und maximal zu Fuß gehen. Hätten sich Galileo und andere Astronomen an den Denkgepflogenheiten der Zeit orientiert, würden wir die Welt noch immer für eine Scheibe halten und bei jeder simplen Kreuzfahrt am Rand der Welt samt Schiff in die Hölle hinunterfallen. Wären Alexander Fleming und nachfolgende Wissenschaftler bloß den bekannten Wegen gefolgt, dann wäre das Penicillin unentdeckt und die lebensrettende Wirkung von Antibiotika unbekannt geblieben. Des Fremde führt zu Innovation und rettet Leben. Das Aussperren des Fremden hingegen führt nicht nur zu einer geistigen Verarmung, sondern auch zu einer wirtschaftlichen Verelendung der Gesellschaft.

Dieser Tage kommen viele Fremde zu uns. Wir wissen nicht, wer bleiben wird. Wir wissen nicht, wie viele es sein werden. Und wir wissen auch nicht, was das im Einzelnen bewirken wird. Dass es nicht leicht für uns wird, wissen wir aber. Und bei einem aufmerksamen Blick in unsere Geschichte wissen wir außerdem: Wenn uns Integration gelingt, dann wird unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft und Kultur eine bessere als heute sein.

Donnerstag, 10. September 2015

Islamisches Abendland?

Das moderne Europa - oder sollte man blumiger Weise Abendland sagen? - dieses Europa - oder eben Abendland - ist weder christlich noch islamisch. Europa, so wie wir es heute kennen, hat sich gegen beide Religionen durchgesetzt, und wurde nicht von ihnen hervorgebracht. Europa ist ein qualvoll entbundenes Kind der Aufklärung und keine Gottesempfängnis.

Und doch ist Europa in beiden Religionen stark verwurzelt. Ein Widerspruch? Keineswegs. Denn das, wogegen man sich wehren muss, trägt man weiterhin tief in sich. Europas Geschichte und Kultur ist vom Christentum ebenso geprägt wie vom Islam. Das heute als Kampfbegriff in die Diskussion geworfene "christliche Abendland", das es angeblich zu verteidigen gilt, zeugt eher von atemberaubender Ahnungslosigkeit als von echter Kenntnis der Geschichte.

Hat man etwa vergessen, dass der Islam  beinahe ein Jahrtausend auf der Iberischen Halbinsel die politisch, religiös und kulturell bestimmende Macht war? Oder haben manche der heutigen Rädelsführer das gar nie gewusst? Die glanzvolle Hauptstadt dieses Reiches, Córdoba, war die weitaus größte Stadt Europas. Sie war wohlhabender als Konstantinopel und die Bibliothek ihrer Residenz umfasste mehr Bücher, als es im ganzen übrigen Europa zusammen gab. Die großartige Kathedrale der Stadt wurde im 8. Jahrhundert als Moschee auf den Fundamenten eines antiken römischen Tempels errichtet. Heute ist sie ein christliches Gotteshaus. So ist Europa.

Dürfen wir das antike Griechenland als die Wiege Europas bezeichnen? Ja, dürfen wir. Zumindest zum Teil. Doch bemerkenswerterweise hat sich das mittelalterliche Europa für seine Wiege überhaupt nicht interessiert. Die griechischen Schriften zu Philosophie und Mathematik, zu Wissenschaft und Staatslehre waren in Europa gar nicht verfügbar. Ganz anders im byzantinischen und islamischen Kulturkreis. Dort wurden die griechischen Schriften übersetzt und mit größter Intensität studiert. Und so kam es, dass die Bücher der griechischen Antike über den arabischen Raum nach Europa kamen. Die islamische Kultur hat - wenn man so will - Europa erst in seine eigene Wiege gelegt. Kein Abendland ohne den Islam.

Hinzu kam die hohe Wertschätzung der muslimischen Welt für das wissenschaftliche Experiment. Das hatte zur Folge, dass praktisch alle bahnbrechenden Erkenntnisse in der Medizin und Physik, in der Mathematik, Astronomie und Geografie von islamischen Gelehrten ausgingen. So griff beispielsweise die sogenannte christliche Seefahrt auf Karten zurück, die der muslimische Geograf al-Idrisi im 12. Jahrhundert angefertigt hatte. Auch Christoph Columbus hatte mehr als 300 Jahre später einen Atlas von ihm an Bord.

Es ist keine Frage: Trotz hoher kultureller Entwicklung zog der Islam eine blutige Spur durch Europa. Das Gleiche gilt für das Christentum. Europa setzte sich zur Wehr und tut es noch heute, und wir sollten weder ein christliches noch ein islamisches Abendland verteidigen wollen. Wenn überhaupt, dann sollten wir ein Europa verteidigen, das sich gegen den politischen Einfluss der Kirchen gewehrt und für Bürger-, Freiheits- und Menschenrechte gekämpft hat.

Übrigens: Was haben Wörter wie Alkohol, Havarie oder Karaffe, Magazin, Sofa und Zucker gemeinsam? Sie sind arabischen Ursprungs. Und dass wir einen Ausdruck wie "jemanden vor den Kadi zerren" für eine umgangssprachliche Redensart halten, zeigt wie tief die islamische Kultur im abendländischen Erbgut verwurzelt ist. Denn der Kadi ist gemäß islamischer Staatslehre ein Richter. Und bei uns ist er das offenbar auch.

Freitag, 4. September 2015

Die Flüchtlinge und der Ederer-Tausender

Die Solidarität ist groß in Europa, keine Frage. Menschen melden sich zu Wort, sie organisieren sich, sie spenden und helfen. Das ist beeindruckend und macht Hoffnung. Aber der nationale Egoismus ist ebenso groß, im offiziellen Europa derzeit wohl größer und stärker als die Solidarität. Die nationalistischen Regierungen berufen sich dabei auf ihr Volk, auf dessen Ängste und Sorgen ums eigene Wohlergehen.

Warum aber – fragt man sich – traten diese Länder jemals der EU bei? Etwa nur deshalb, um die Vorteile einer Gemeinschaft zu nutzen, ohne einen Beitrag dafür leisten zu wollen? Aber konnte man jemals davon ausgehen, dass das funktioniert? Kann irgendjemand glauben, die Regale im Supermarkt regelmäßig leerräumen zu können, ohne auch nur ein einziges Mal an der Kassa zu zahlen? Kann man davon ausgehen, dass das Vereinslokal des Clubs, in dem man Mitglied geworden ist, auch in Zukunft so praktisch und komfortabel sein wird, ohne dass man jemals selbst Hand anlegt und beim Ausmalen mithilft? Kann und konnte man jemals davon ausgehen? Ich frage hier gar nicht nach Herzensgüte, ich frage schlichtweg nach Intelligenz.

Denken wir an Österreich. Denken wir gut 20 Jahre zurück. Denken wir daran, wie vor der Volksabstimmung versucht wurde, die Bevölkerung von der Sinnhaftigkeit eines EU-Beitritts zu überzeugen. Allerlei Vorteile wurden landauf, landab plakatiert: Keine Reisepässe würde man mehr brauchen, mehr Waren würden ins Land kommen, und diese würden obendrein billiger werden und, und, und. Zum Sinnbild für all diese Vorteile wurde der „Ederer-Tausender“, den es in der einen oder anderen plakativen Form wohl in allen EU-Ländern vor dem Beitritt gegeben hat: Zumindest 1.000 Schilling – so die damalige österreichische Staatssekretärin – würde sich jede Familie pro Monat sparen können. Eine schöne Gehaltserhöhung wurde da in Aussicht gestellt. Ich frage nicht, was aus dem Versprechen geworden ist. Ich frage bloß, welche Haltung daraus entstanden ist. Halten wir uns politisch bloß an das, was uns einen Vorteil verspricht?

Man kann nur ernten, was man sät. Wenn man den Geist der Vorteilsnahme sät, wird man keine Solidarität ernten. Wenn man Menschen Sand in die Augen streut, darf man sich keinen klaren Blick erwarten. Wenn Opportunismus und Eigennutz die prägenden Merkmale der Politik sind, dann werden Courage, Offenheit und Solidarität nicht die prägenden Merkmale der Gesellschaft sein. Dass es keinen Nutzen ohne Kosten, keine Rechte ohne Pflichten und keine Freiheit ohne die Freiheit anderer gibt, dämmerte den Ländern der EU erst spät. Es ist zu hoffen, dass es keine Abenddämmerung ist, sondern ein Schritt im Erwachsenwerden.

Dienstag, 1. September 2015

Was werden sie denken?

Irgendwann wird es wieder Frieden geben im Nahen Osten, - in Syrien, im Irak. Irgendwann wird man wieder einigermaßen sicher leben können in den umkämpften und zerstörten Regionen Afrikas. Irgendwann. Das dürfen wir hoffen. Und irgendwann werden viele, die flüchten mussten, zurückkehren in ihre Heimat. Sie werden ihre Städte wieder aufbauen und neue Unternehmen gründen. Sie werden ihre Kaffeehäuser renovieren, Museen und Theater wieder aufsperren, und sie werden die Mitglieder ihres alten Sportvereins zusammenrufen. Sie werden Tanzen gehen am Wochenende oder ins Kino. Aber was werden sie denken?

Was werden sie denken über uns Österreicher und Deutsche? Über uns Ungarn und Franzosen, über uns Engländer, Griechen und Polen … über uns Europäer? Was wird in ihren Schulbüchern stehen, oder in ihren Liedern? Was wird in ihren Filmen zu sehen, auf ihren Bühnen zu hören sein? Wie werden sie uns in Erinnerung haben, uns Spanier und Portugiesen, uns Slowaken und Finnen, uns Italiener und Tschechen … uns Europäer?

Was werden wir denken, wir Slowenen und Letten, wir Belgier und Rumänen, wir Bulgaren und Schweden, wir Esten, Iren und Malteser, wir Kroaten, Zyprioten und Litauer … wir Europäer? Was werden wir denken? Und was werden wir sehen, wenn wir einander in die Gesichter schauen?

Dienstag, 25. August 2015

Soll das Volk zurücktreten?

Wenn über Jahre Gewitterwolken am politischen Horizont aufziehen, die aber gerade noch weit genug weg sind, um nicht in eine Höhle flüchten zu müssen, - bei einem solchen Wetter also werden die Worte mitunter scharf, die Gedanken aber trübe und das Herz schwer. Wenn schon nicht die Politiker zurücktreten, denke ich mir, dann sollten doch wenigstens wir, das Volk, zurücktreten. Unsinn? Natürlich. Grober Unfug. Der Rücktritt des Bürgers ist nur möglich durch vollkommene Ignoranz oder Tod. Und nur letzteres gelingt allen. Aber bis dahin ist noch Zeit. Und diese will verbracht sein: freudvoll, sinnvoll, aufrecht. Und vielleicht hinter einem Blog, inmitten herumtanzender Tweets. Oder mit grimmigem Blick auf ein zu befüllendes Kommentarfeld. Oder auch nur mit zittrigem Finger, der einen Like-Button erreichen will.

Ich habe noch nie so viele Rücktrittsaufforderungen in meiner Timeline gelesen wie in den letzten Wochen. Auch ich selbst habe eine geschrieben. Zurückgetreten ist freilich niemand. Und es wird auch niemand tun. Nicht einmal wir, das Volk, werden zurücktreten. Was wird passieren? Was sollte passieren? Wir, das Volk, können nicht zurücktreten. Aber wir können und müssen antreten - als Politiker.

Komfortabel und lustvoll ist es ja schon: Bei Kaffee oder einem Glas Wein lasse ich meine Finger über die Tastatur gleiten und verteile im Netz mehr oder weniger gleichmäßig spitze, giftige und unglaublich gescheite Kommentare zur Politik in diesem Land – Rücktrittsaufforderungen inklusive. Sollte ich oder sollte man damit aufhören? Keinesfalls. Politik braucht Aufmerksamkeit, Anteilnahme und Kritik. Und Politiker müssen das aushalten und auch wollen.

Nur eines – und das wird mir gerade in den Tagen der Flüchtlingsdiskussion schmerzlich bewusst – eines darf nicht sein: dass ich es dabei bewenden lasse, dass ich im Wohlgefühl, doch eh das Richtige irgendwo gesagt zu haben, am Sofa einschlafe. Ich muss mehr tun. Und damit meine ich gar nicht ein Engagement in der Sache selbst: Toilettenartikel oder Geld zu spenden, mich als Deutschlehrer zur Verfügung zu stellen oder einen Flüchtling zu Hause aufzunehmen. All das ist wichtig, richtig und bis zu einem gewissen Grad auch menschliche Pflicht.

Aber ich meine etwas Anderes. Ich rede von einem Engagement im politischen System, in den Institutionen, in den Organisationen, in den Gremien und Ausschüssen. Soll das etwa heißen, dass ich jetzt mit einer Vorfeldorganisation Kontakt aufnehmen soll, um mich dann durch die Bezirks- und Landesinstanzen durchzubeißen, bevor ich Bundeskanzler oder gar Präsident werden und alles besser machen kann? Ja, das soll es heißen. Aber das geht sich doch nie aus! Und außerdem ist die Politik ein dermaßen schmutziges, opportunistisches und den Charakter korrumpierendes Geschäft, dass ich dafür doch nicht mein Leben aufs Spiel setze. Das überlasse ich lieber den Selbstdarstellern dieser Republik. Ach ja?

Freilich, die wenigsten erreichen ein Nationalratsmandat. Fast niemand wird Minister, Bundeskanzler oder Präsident. Aber irgendwo in den Kaskaden, Nischen und Hinterzimmern des republikanischen Apparates muss ich meinen Mund aufmachen und Verantwortung übernehmen, wenn ich mich und meine politische Haltung ernst nehmen möchte. Was wird geschehen? Was werde ich tun? Jedenfalls bleibt es, bis das entscheiden ist, ein wunder und immer wieder schmerzender Punkt in meiner bloß politisch-rhetorischen Tatkraft, die mir – bei aller berechtigen Kritik – Respekt für jene Menschen abringt, die politisch tatsächlich etwas tun.

Donnerstag, 6. August 2015

Helfen ohne Herz.

Das ist ein Denkversuch, kein Plädoyer. Es geht, wie so oft in diesen Tagen, um die Flüchtlingsfrage. Kann da in der veröffentlichten und geposteten Meinung bloß die Herzensgüte gegen den blindwütigen Hass antreten? Einer der Dreh- und Angelpunkte dieser rechtspopulistisch verwahrlosten Diskussion ist beispielsweise das Wort »Gutmensch«, ein durch und durch widerwärtiger und denunzierender Begriff. Ich denke aber, dass man diesem Thema jede Emotion entziehen kann und noch immer zum Ergebnis kommen würde, dass es sinnvoll und notwendig ist, Flüchtlinge aufzunehmen, und zwar im eigenen Interesse. Man braucht dazu keine Empathie und Herzensgüte. Es genügt, einigermaßen bei Verstand zu sein - die Realität zu kennen und folgerichtig denken zu können.

Stellen wir uns vor, wir würden die Grenzen dichtmachen, Mauern errichten und alle Flüchtlinge so gut es geht von Österreich fernhalten. Gut, die Menschen ziehen weiter. Vorerst. Sie klopfen an die Tore anderer Länder. Doch diese haben die Türen auch geschlossen, sie haben Mauern gebaut und versuchen jeden Flüchtling so gut es geht fernzuhalten. An dieser Stelle ist anzumerken: nur grandios realitätsferne Menschen würden glauben, dass die Flüchtlinge nun nach Hause zurückkehren. Auf Geister dieser Art würde eine Bemerkung von Alexander von Humboldt gut passen, der meinte: »Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.«

Die wenigsten würden heimkehren. In ihrer Not würden sie lernen, die aufgebauten Mauern zu überwinden. Gut, bauen wir höhere Mauern. Menschen in Not lernen rasch. Bald überwinden sie auch diese. Wir bauen weiter, immer höher und höher. Und irgendwann werden wir so viel Geld für Mauern ausgegeben haben, dass das Land dahinter vollkommen verwahrlost und verarmt ist. Es will gar niemand mehr kommen. Die Mauern sind unnütz. Aber wir, wir würden jetzt gerne fluchtartig unser Land verlassen. Wird uns jemand aufnehmen?


Wie gesagt: ein Denkversuch, kein Plädoyer. Wir können - wenn wir nur diszipliniert genug sind - ohne Emotion diskutieren. Aber wir können nicht ohne Empathie und Herzensgüte leben. Neben Klarheit im Denken sind Empathie und Herzensgüte die tiefsten Wurzeln eines gelingenden Lebens. Das Herz hilft uns, wenn wir den Verstand verlieren. Am besten nutzen wir beides.

Montag, 5. Mai 2014

Bücher retten Leben

John Williams schrieb in den 1960er Jahren einen der erstaunlichsten Romane des 20. Jahrhunderts: »Stoner«. Das Buch erschien 1965 in New York und wurde praktisch im selben Jahr wieder vergessen. Erst ein knappes halbes Jahrhundert später wurde es aus einem Regal vergessener Archive gezogen und erlebte einen Durchbruch. Ich selbst stieg kürzlich eines Abends in das Auto und hörte im Radio die letzten Minuten einer Sendung, in der über dieses Buch gesprochen wurde. Ich stieg aus, kaufte es und begann zu lesen.

Wir betreten mit den ersten Seiten Grundstück und Haus einer Farm im tiefsten Missouri, auf der Stoner als einziges Kind seiner Eltern in ärmlichen Verhältnissen aufwächst. »Solange William Stoner sich erinnern konnte, hatte er Pflichten zu erledigen«, heißt es gleich irgendwo zu Beginn. Die Sprache wirkt einfach. Aber sie bewirkt nichts Einfaches. Wenn man genauer sein will - und das sollte man -, dann muss man sagen: Die Sprache ist von eindringlicher Klarheit. John Williams braucht nur wenige Zeilen, um das Leben auf der Farm fühlbar zu machen:
Es war ein einsamer Hof, auf dem er das einzige Kind blieb, doch die Not der täglichen Plackerei hielt den Haushalt zusammen. Abends saßen die drei beim Licht der Petroleumlampe und starrten in die gelbe Flamme; der einzige Laut, den man in der knappen Stunde zwischen Abendbrot und Bett hören konnte, war meist nur das Räkeln eines müden Körpers auf einem harten Stuhl oder das leise Knarren eines Pfostens, der sacht unter dem Alter des Mauerwerks nachgab.
William Stoner schließt 1910 die Highschool ab, und wir sehen ihn an einem Frühlingsabend mit seinem Vater am Tisch sitzen:
Eines Abends ..., nachdem die beiden Männer den ganzen Tag lang Mais gehackt hatten, richtete sein Vater, nachdem das Abendbrot abgeräumt worden war, in der Küche das Wort an ihn.
»Der Viehhändler kam letzte Woche.«
William blickte von dem ordentlich mit einem rot-weiß karierten Wachstuch bedeckten runden Küchentisch auf, sagte aber nichts.
»Angeblich gibt’s ein neues Institut an der Universität Columbia. Heißt Landwirtschaftscollege. Meinte, du solltest hin. Dauert vier Jahre«
»Vier Jahre‘, sagte William. ‚Kostet das was?«
Dann sehen wir, wie Stoner »auf dem im Licht der Lampe matt schimmernden Tischtuch« seine Hände spreizt, und hören ihn fragen:
»Glaubst du denn, du kommst hier allein zurecht?«
»Deine Ma und ich, wir schaffen das schon ...«
William sah zu seiner Mutter hinüber. »Ma?«, fragte er.
Mit tonloser Stimme antwortete sie: »Du tust, was dein Pa dir sagt.«
Und so beginnt Stoner zu studieren. Vor und nach den Collegestunden arbeitet er auf der Farm von Verwandten nahe Columbia. Nachts lernt er. Die natur- und agrarwissenschaftlichen Fächer fallen ihm leicht. »Nur der vorgeschriebene Einführungskurs in die englische Literatur«, wie wir erfahren, »verstörte und beunruhigte ihn auf eine Weise wie nichts zuvor.« Aber genau das wird ihm nun Bestimmung und Schicksal. Er wechselt in das Fach Literaturwissenschaft und beschließt nach einigem Zögern, nicht auf die Farm zurückzukehren. Seinen Eltern erzählt er erst spät davon. Und in dieser Szene erleben wir einen jener seltenen Momente, in denen seine Mutter für uns greifbar wird:
Seine Mutter hielt ihm das Gesicht zugewandt, sah ihn aber nicht an. Sie kniff die Augen zusammen, presste die geballten Fäuste an die Wangen, atmete schwer, und ihre Miene war wie vor Schmerz verzerrt. Erstaunt begriff Stoner, dass sie weinte, stumm und aus tiefstem Innern, mit all der Scham und Verlegenheit eines Menschen, der selten weint.
John Williams entwickelt das Geschehen in der nüchternen Sprache eines Berichts. Doch dieser schnörkellose Bericht erreicht eine sprachliche Kraft und Eindringlichkeit, die uns vom ersten Augenblick an in den Text hineinzieht wie in ein tiefes Wasser. Nur manchmal tauchen wir auf, in Panik, weil uns die Luft ausgeht und die Lungen schmerzen.

Wir folgen dem Bericht eines Lebens, das wir nicht ertragen könnten oder wollten. Auf rätselhafte Weise fühlen wir uns ihm aber nahe. Macht uns das etwa mehr Angst als das unglückliche Leben von Stoner selbst? Nach dem Studium verliebt er sich und heiratet. An dieser Stelle würden wir am liebsten aufspringen, die Arme in die Höhe reißen und ihn warnen. Aber wir bleiben sitzen und lesen weiter.

Von Edith, seiner Frau, erfahren wir kaum etwas. Jedenfalls beinahe nichts über ihre Beweggründe. Diese Figur ist ebenso schrill, wie sie im Dunkeln bleibt. Jedenfalls ist Ediths Lieblosigkeit ihm gegenüber dermaßen vehement, dass wir das Gefühl haben, unsere Lippen langsam und mit leichtem Druck über die Schneide einer Rasierklinge zu ziehen, während wir den Bericht über ihr Zusammenleben lesen. Die Szenen, in denen sie ihn offen terrorisiert, wirken da beinahe erholsam. Denn in ihnen zeigt sich wenigstens irgendeine Nähe, irgendein Gefühl. Und doch findet Stoner ein schmerzliches Glück. Nur mit einer anderen Frau? Oder auch mit Edith, am Ende?

Seine Laufbahn an der Universität ist alles andere als glanzvoll. Er wird Assistenzprofessor, und seine Karriere stagniert praktisch vom ersten Tag an bis zu seinem Tod. Und doch trägt diese Universität in zärtlicher und leidenschaftlicher Weise sein ganzes Leben. Er weiß, dass es für ihn kein Leben außerhalb der Universität geben kann. Er weiß, dass er nur dieses Leben leben kann und kein anderes. Seine Karriere ist unspektakulär. Aber vielleicht ist er ein großer Lehrer. Würden wir William Stoner erkennen, wenn wir ihn an unserem eigenen Arbeitsplatz in einem Büro am anderen Ende des Ganges treffen?

Und dann ist da noch Grace, vor allem Grace – seine Tochter. Ihr fühlt er sich vom ersten Tag ihrer Geburt an so nahe, so verbunden und seelenverwandt, dass sie ihm bis zum Schluss ein filigraner Haltegriff im Leben bleibt. Edith zieht sie früh fort von ihm, richtet sie ab und entfremdet sie. Und der Schmerz darüber zieht sich durch Stoners Leben wie der ununterbrochene hauchdünne Schnitt jener Rasierklinge, die wir schon kennen. Als Erwachsene sieht er sie kaum noch. Er weiß, dass sie trinkt, und er sieht es ihr an. Kurz vor Stoners Tod sehen sie einander. Und wir hören seine Tochter sagen:
»Armer Daddy«, sagte Grace, und das brachte ihn in die Gegenwart zurück. »Armer Daddy, das Leben war für dich nicht einfach, oder?«
Einen Moment dachte er nach und erwiderte dann: »Nein, aber ich glaube, das hätte ich auch nicht gewollt.«
Bevor ganz am Ende ein Buch »in die Stille des Zimmers« fallen wird, denke ich mir: Könnte man nicht auch über Edith oder über Grace schreiben, mit der gleichen Eindringlichkeit und mit ähnlich subtilem Blick für das Glück und Unglück ihres Lebens? Könnte das Buch auch »Edith« heißen - oder »Grace«? Wurde es möglicherweise sogar geschrieben? Vielleicht sollten wir nach ihm suchen. In jenen vergessenen Archiven der Literatur, in denen auch »Stoner« jahrzehntelang verschollen war.

John Williams, Stoner, dtv 2013 (aus dem Englischen von Bernhard Robben)

Donnerstag, 27. März 2014

Unsinn ist schlichtweg unsinnig.

Herr Mölzer hat also wieder einmal ein Tor geschossen. Eine starke Leistung? Naja. Das Tor war leer. Überhaupt waren die Mannschaften in der Kabine und das Publikum hauptsächlich am Klo. Es war eben gerade Pause.

Aber das ist jetzt seine Chance. Der Mölzer Andi nimmt sich also eine alte Lederwuchtl, legt sie zwei Meter vor die Torlinie, läuft an, haut drauf und … trifft. Immerhin. Die EU, so der Mölzer Andi, sei so überreguliert und deshalb eine Diktatur, die die Menschen unfrei macht. Dagegen sei ja "das Dritte Reich wahrscheinlich formlos und liberal" gewesen, so der Mölzer Andi, der dann noch das Wort „Negerkonglomerat“ heraufrülpst, weil er die Kohlensäure vom Bier nicht verträgt.

Jetzt kommen die Spieler wieder aufs Feld und auch das Publikum ist vom Klo zurück. Die gewohnte Rhetorik-Choreografie kann beginnen: vereinzelte Buhrufe, Betroffenheit, Empörung. Der Schiri soll ihn ausschließen, so die fast einhellige Meinung. Insgesamt mündet alles in das lauwarme Bacherl des schon ein wenig gähnend vorgebrachten und beinahe gesamtösterreichischen Grundkonsenses, der sich gerne wie folgt ausdrückt. „Aber das ist ja eine Verharmlosung der Nazi-Verbrechen.“ Na bum! Das Aufregungstheater ist kurz und schlecht besucht.

Eine Verharmlosung? Ich finde, der Herr Mölzer hat gar nichts verharmlost. Er hat schlichtweg Unsinn geredet. Warum sagt man nicht einfach: Ja richtig, eine entwickelte Demokratie, die verschiedene Interessen und Gruppierungen in Meinungs- und Willensbildungsprozesse sowie Entscheidungen miteinbezieht, hat nun einmal mehr und komplexere Regeln als eine Diktatur, die nach einer einfachen Mechanik funktioniert: Du tust das, was ich sage, sonst ist die Rübe ab. Dass das so ist, lernen bei uns schon die Kinder in der Volksschule. Haben Sie da etwa gefehlt, Herr Mölzer?

Mir ist bewusst, dass gegen primitive, rechts-populistische Geisteshaltungen kein rasch wirksames Kraut gewachsen ist. Aber vielleicht gelingt es durch eine Reaktion dieser Art eher, den Herrn Mölzer als das dastehen zu lassen, was er ist: ein Blödmann in einem bildungsfernen Parteiumfeld.

Donnerstag, 30. Januar 2014

Pablo Neruda - Dichtung und Politik

 
Drei Wochen in Chile haben mich Pablo Neruda näher gebracht. Eigentlich das erste Mal. Bisher hatte ich da und dort einen Vers gelesen und manches über ihn: Neruda der Kommunist, Neruda der Nobelpreisträger. Mehr Lexikonwissen als echter Eindruck. In Chile las ich ihn nun zum ersten Mal. Las ihn wirklich, langsam. Dass man beides - Dichter und Politiker - in so reiner Form sein kann, erstaunte mich. Ich hielt es für unglaubwürdig. Denn auf den ersten Blick widerspricht es einander. Auch auf den zweiten. Aber ich las weiter und gewann Vertrauen. Wir sollten ihn öfter lesen. Hören wir ihm jetzt ein paar Augenblicke zu, entlang seiner Memoiren »Ich bekenne, ich habe gelebt.«
 
»Der Dichter darf sich nicht vor dem Volk fürchten.«
 
Und viele Stunden später heißt es:
 
»Ich will in einer Welt ohne Exkommunizierte leben. Ich werde niemanden exkommunizieren. Ich werde morgen auch nicht zu dem Priester sagen: ‚Sie können niemanden taufen, weil sie Antikommunist sind.‘ Ich würde auch nicht zu dem Nächsten sagen: ‚Ich werde Ihr Gedicht, Ihre Schöpfung nicht drucken, weil Sie Antikommunist sind.‘ Ich will in einer Welt leben, in der die Menschen nur menschlich sind, ohne jeden anderen Titel als diesen, ohne sich eine Regel in den Kopf zu setzen, ein Stichwort, ein Etikett. Ich will, dass man alle Kirchen betreten darf, alle Druckereien. Ich will, dass man niemanden mehr vor dem Bürgermeisteramt auflauert, um ihn festzunehmen oder auszuweisen. Ich will nicht, dass einer per Gondel fliehen muss, dass einer auf dem Motorrad verfolgt wird. Ich will, dass die große Mehrheit, die einzige Mehrheit, dass alle reden können, lesen, hören, gedeihen. Ich habe den Kampf nie anders verstanden, als dass er ende. Ich habe die Strenge nie anders verstanden, als dass es keine Strenge mehr gebe. Ich habe einen Weg gewählt, weil ich glaube, dass dieser Weg uns alle zu dauernder Freundlichkeit führt. Ich kämpfe für diese allgegenwärtige, ausgreifende, unerschöpfliche Güte.«
 
»Es ist wahr: die Welt wäscht sich nicht rein, von Kriegen und von Blut, sie legt den Hass nicht ab, es ist wahr. Es ist aber gleichfalls wahr, dass allmählich eines offenkundig wird: Die Gewalttäter erblicken sich im Spiegel der Welt, und ihr Gesicht ist nicht einmal für sie selber schön.
Ich glaube nach wie vor an die Möglichkeit der Liebe. Ich habe die Gewissheit, dass die Verständigung zwischen den Menschen möglich ist über Schmerzen hinweg, Blut und zerbrochenen Scheiben.«

Freitag, 13. Dezember 2013

Die Regierung gibt schon ihr Bestes

Nachdem bald alles von allen gesagt worden sein wird, und es niemanden gibt, der das nun vorliegende Ergebnis nicht befürchtet oder zumindest geahnt haben wird, kann ich kaum noch etwas sagen. Nur eines vielleicht. Auch wenn es bestürzend und beängstigend ist, aber wir müssen wohl akzeptieren, dass die Regierung bereits ihr Bestes gibt. Mehr ist da nicht drin. – Fragt sich bloß: Sollten wir nicht als Bürger besser werden? Schärfer denken? Klarer reden? Mutiger handeln? Besser wählen?

Sonntag, 8. Dezember 2013

Das Weinviertel ist nicht nur dort

Trinken ist ausdrücklich erwünscht. Jimmy Schlager ermuntert sein Publikum gerne gleich zu Beginn. Oder jedenfalls kann man es so verstehen. Denn man weiß, er verträgt vieles, fast alles, »nur ka Wasser ned«. Immerhin heißt es ja Weinviertel und nicht Wasserviertel. Seine Bühne ist aber nicht nur die Bühne. Vermutlich ist sie das selten. Seine Bühne findet sich eher zwischen den Wirtshaustischen - wenn es solche noch gibt. Und wenn er am Rande einer Tafel singt, dann steht er dieser eigentlich vor. Dann sitzt man selbst auf der Bühne, begafft sich eindringlich und ertappt sich auf Schritt und Tritt, auf Schluck und Biss. Im Lachen wundert man sich, dass man lachen kann, und freut sich darüber. Denn die Erkenntnis, dass man kein Held ist, befreit ungemein – in Lignano ebenso wie in Wien.

Hören wir da Trinklieder? Ja, Trinklieder sind es allemal. So dürfen wir mithören, wie lustvoll und zielsicher er mit dem Wunsch nach einer „Frau zum Wein“ den schmalen Grat der Political Correctness verfehlen kann und will. Und dann gleich noch einmal, von der anderen Seite. Wenn wir ein paar Lieder später nämlich die Gerti kennenlernen, dann wissen wir eines ganz sicher: Die Gerti wünscht man sich nicht zum Wein, denn die sauft selber mit. Tänzelt Jimmy Schlager da etwa die Grenze des guten Geschmacks entlang, oder schwankt er sogar? Wie gesagt, wir lachen und sitzen selbst auf der Bühne.

Mit feinerem Ohr und Herz hören wir aber mehr, mehr als das. So ist „Mein GV“ nicht nur eine zarte Liebeserklärung an den Grünen Veltliner, es zeigt uns, dass man in einem Geschmack zu Hause sein kann, dass er eine Heimat ist, die mit anderen nicht zusammenstößt, sondern anstoßen will, ganz egal, was im Glas ist. So bezaubernd geht es freilich nicht immer zu. Wir sind – und das bringen Trinklieder mit sich – auch in die Tiefen und Untiefen der Gosse unterwegs und ans Lebensende. Wenn in Raimund‘scher Tonfolge das Schicksal aber nicht den Hobel, sondern den grünschimmernden Doppelliter ansetzt, dann merkt man erst, wie schnell der leer ist, und dass wir im letzten Hemd ohne Brand in der Kehle daliegen. Kein Trost?

„Bei uns dahaam“ liegt mir der Trost auch fern. Oder ist er doch ganz nahe? Dass sich der Opa am Parkplatz vom Hofer verfahren hat und das Enkerl schon wixen kann und es gleich der Oma erzählt, ist ein zweifelhafter Trost, aber komischerweise kann es einer sein. Vielleicht auch deshalb, weil man Tom Waits‘ Neighborhood niemals im Weinviertel vermutet hätte. Aber es ist dort. Und Jimmy Schlager hätte es nicht besser zeichnen können.

Während wir das letzte Glas austrinken, hören wir jetzt mehr als nur ein Trinklied. Wir hören eine starke und warmherzige Stimme aus dem Weinviertel, die weiß, dass hier keiner Recht behalten wird – im Wirtshaus nicht und nicht in Lignano, auf der Südosttangente ebenso wenig wie am Klo und anderswo auch nicht. Aber wir können unseren Blick liebevoll schärfen, unseren Blick für Menschen, denen wir Untertags begegnen, mit oder ohne Glas, im Weinviertel oder ganz woanders. Und wir können einfach innehalten und die Welt sich mal weiterdrehen lassen. Kann schon sein, dass jemand, der den Grünen Veltliner liebt, auch die Menschen liebt. Und es kann auch sein, dass wir öfter fragen sollten: „Werden Sie gestreichelt?“ Jedenfalls sollten wir dem Jimmy Schlager immer wieder zuhören, - aufmerksam, besoffen, liebevoll und lachend.

www.jimmyschlager.at

Mittwoch, 6. November 2013

Zepter und Bettelstab

Ich habe Teile eines alten Textes von mir gefunden. Bereits vor rund 16 oder 17 Jahren wollte die Stadt Graz das Betteln per Gesetz oder Verordnung verbieten. Die Themen sind heutzutage nicht anders. Heute werden Obdachlose, die im Wiener Stadtpark nächtigen wollen, nicht nur vertrieben, sondern mit absurden Strafen bedroht. Leider finde ich nicht mehr den ganzen Text, sondern nur noch Bruchstücke. Und diese gingen damals so:




Zepter und Bettelstab

Über Gesetze und ihren menschlichen Raum
(Graz 1997)

Dass unser gemeinschaftliches Leben durch Gesetze geregelt werden muss, ist unbestritten. Doch der praktische Wert von Gesetzen besteht nicht darin, den Interessen bestimmter Gruppen dienlich zu sein, sondern allein darin, die äußere Freiheit jedes einzelnen zu gewährleisten. »Das Recht ist also der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des anderen nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit zusammen vereinigt werden kann« (Immanuel Kant, Metaphysik der Sitten, A 33). Die Mittel des Rechts sind freilich Beschränkung und Zwang, doch sein alleiniger Zweck ist Freiheit, wodurch zugleich das allgemeine Kriterium für ein menschenwürdiges Gesetz genannt ist. Ein Verbot ist aus menschenwürdiger Gesinnung nur dann zu rechtfertigen, wenn das Verbotene dem Freiheitsrecht eines anderen widersprechen würde. Tut es dies nicht, so geht aus dem allgemeinen Gesetz der Freiheit hervor, dass das Verbot seinerseits zu verbieten ist. Man bedenke: Es ist hier von Freiheiten, und nicht von Empfindlichkeiten die Rede. Eine bettelnde Hand - gleich wie sie aussieht - wird niemals die Freiheit einer Person verletzten, sie wird höchstens an deren Empfindlichkeiten rühren. Gesetze, die bloß auf Vorlieben und Empfindlichkeiten von einzelnen Personen oder Gruppen Rücksicht nehmen, widersprechen dem Geist des Freiheitsrechtes, sie sind absolut willkürlich und - ganz gleich wie und ob sie exekutiert werden - der Struktur nach inhuman. Es würde überdies keine prinzipielle Grenze des Verbietens geben, allein die zufällige Machtverteilung in den Entscheidungsgremien würde darüber befinden, was zu verbieten ist. Wäre beispielsweise im Gemeinderat die Gruppe derjenigen stark genug, die den Anblick krankhaft-trauriger Gesichter nicht ertragen könnten, dann müssten die Melancholiker zu Hause bleiben, oder die Brillenträger, oder die Unrasierten, die Stinkenden, oder die Dicken, die Kahlköpfigen, oder die Kinder, die Frauen, die Alten, oder die Parfümierten, oder die Obdachlosen ..., eben je nach Empfindlichkeitskonzentration im Gemeinderat oder sonstwo.
 
Menschliches Leben will sich in all seinen Möglichkeiten entfalten: Es will sich erhalten, es will genießen und freudvoll sein, es will geistig und moralisch sich bilden, sich verwirklichen ... und es will sich hierin wohltun. Es ist der große Anspruch vernunftbegabter Menschlichkeit, auch jeden anderen - so gut es geht - in dieser Entfaltung zu fördern. Und so ist es überdies eine der hervorragendsten Aufgaben des Rechts, jene menschliche Entfaltung nicht nur zu unterstützen, sondern auch zu stimulieren.
 
»Wären die Menschen pünktlich gerecht, so möchte es keine Armen geben, in Ansehung derer wir dieses Verdienst der Wohltätigkeit zu beweisen glauben und Almosen geben« (Immanuel Kant, Eine Vorlesung über Ethik, Fischer 1990, S. 251). Von zwei Tugenden ist hier die Rede, von Großherzigkeit und Gerechtigkeit. Es ist leicht zu sehen, daß ein Gesetz, welches das Betteln verbieten möchte weder die eine noch die andere fördert, im Gegenteil, es untergräbt sie beide, und es untergräbt ihren Zusammenhang. Indem eine Gemeinschaft, jene Armut, die nicht mehr anders kann, als sich in den Straßen zu zeigen, indem sie also jene in und an ihr Gestrandeten aus dem Straßenbild verbannt, verbannt sie zugleich auch ihre eigene Schuldigkeit, und beinahe unbemerkt geht in diesem Sog die Tugend der Großherzigkeit Stück für Stück verloren. Was bleibt ist eine Rechtshülse als Gesetz, die weder dem Gebenden noch dem Bedürftigen Raum für menschliche Lebendigkeit gibt. Ein Gesetz, das seine »Befugnis zu zwingen« nicht uneingeschränkt in den Dienst der Freiheit stellt, verliert mit der humanen Gesinnung zugleich seinen Grund.
 
Kant nannte das Recht einmal den Augapfel Gottes auf Erden, und wir müssen stets darauf achten, dass daraus nicht die Argusaugen von Lobbys werden.

Montag, 4. November 2013

Durch den Tag und über Land mit Ö1

Der frühe Morgen ist oft einsam und unbehaust. Dieser Tage auch kalt. Vertraute und kluge Stimmen aus dem Früh- oder Morgenjournal sind meine erste Verbindung nach draußen. Nach und nach werden die Damen und Herren Redakteure in mein Wohn- oder Badezimmer geschaltet. Sie berichten von der kleinen Welt in Österreich und der großen Welt drumherum. Sie erzählen von Konferenzen und Vorfällen, von Zusammenhängen, von Bühnen und Ausstellungsräumen, von Katastrophen und Ungeheuerlichkeiten, von Errungenschaften, Erstaunlichem, Berührendem. Sie lassen zu Wort kommen. Sie lassen Menschen zu Wort kommen. Auch solche, denen ich gar nicht zuhören will. Das ist gut so. Das bringt mich in Bewegung. An manchen Tagen endet der Moderator mit einem warmherzigen, vielleicht auch schalkhaften, aber deshalb nicht minder ernsten »carpe diem!« das Journal. Es ist Halbacht. Ich muss gehen. Den Carpe-Diem-Mann hab‘ ich in mein Herz geschlossen.

Freilich habe ich tagsüber kaum Zeit und Möglichkeit, mit Ohr, Herz und Verstand den vielen Radiostimmen zu folgen. Es bleibt Vieles ungehört, obwohl es gehört gehörte. Das ist mir schmerzlich bewusst. Ein kleiner Trost sind die Podcasts, die ich - sorgsam gehütet auf dem Smartphone (es hat wohl deshalb diesen Namen) - am Samstagmorgen beim Einkaufen höre oder während ich für das Frühstück sorge. Da kann es schon sein, dass ich zehn Minuten lang gedankenverloren vor dem Kühlregal ausharre und eine seltsame Figur abgebe während mir eine kundige Stimme von der Ingenieurskunst in der Teichwirtschaft des 14. bis 16. Jahrhunderts erzählt.

Aber manchmal kann ich mir tagsüber die Zeit nehmen, oder noch besser: es gibt eine Autofahrt. Dann höre ich beispielsweise einiges über »Märkte und Moral«, von Adam Smith und der schottischen Aufklärung, von der Leidenschaft zur Unterwasserfotografie, vom seltsamen und urtümlichen Tapir in Südamerika (wie sieht dieses Tier eigentlich aus? Ich muss das unbedingt googeln.) Dann erklärt mir jemand die neuesten Erkenntnisse der Cholesterin-Forschung (hellhörig spür‘ ich im Magen meinen Ernährungsgewohnheiten nach), oder ich erfahre, wie genau man es mit den Normbuchstaben in der österreichischen Schulschrift nimmt. Und das ist ein guter Anlass, über die Handschrift im Allgemeinen und die von Karl Kraus im Besonderen zu reden. Unfassbar. Dieses Radio, das fast immer bei mir ist und dessen Funkhaus in meiner Nachbarschaft steht, ist eine riesige und lebende Bibliothek von Hörbüchern. Jeden Tag kommt ein Neues und Überraschendes dazu.

Was habe ich selbst von diesem Tag erlebt? Ein paar Kilometer auf der regennassen A23 ans andere Ende von Wien. Das fahle Licht in Meeting-Räumen. Ein paar Mal einen Blick aus dem Fenster über die Donau hinweg. Und dann wieder nach Hause, quer durch Wien. Der Regen hat aufgehört. Das melden auch die Nachrichten. Der Carpe-Diem-Mann hat seinen Tag wohl genützt und ist jetzt zu Hause.

Das Salzburger Nachtstudio gibt es immer noch. Am Abend um neun. War das damals nicht später? Tatsächlich in der Nacht? Oder erschien mir diese Abendzeit als Teenager einfach nächtlicher als heute? Ich erinnere mich an eine Sendung über Ludwig Wittgenstein. Schon damals - obwohl aufgewühlt und angezogen - war ich mir am Ende unsicher, wie viel ich davon verstanden hatte. Heute weiß ich: praktisch nichts. Aber im Zuhören in der Nacht wurde mir durch die Stimmen so eindringlich klar, dass ich hier etwas verstehen wollte, musste. Zum Glück nahm ich die Sendung auf - auf Kassette. Irgendwann verwickelte sich das Tonband im alten Rekorder und riss.

Schmerzlich vermisse ich den »Schalldämpfer« von Axel Corti. Den kann ich nur noch von meinem IPhone hören. Eine freundlich-umständliche Kundendienst-Mitarbeiterin vom ORF hat mir einmal alle verfügbaren Sendungen zu einem Minutentarif auf CD gebrannt. Ein Liebesdienst.

Autofahrten sind wunderbar. Am besten über Land, lange und ins Wochenende hinein. Am Freitag. Besser kann man nicht »von Tag zu Tag« hören. Menschen sprechen miteinander. Hier sprechen wirklich Menschen. Hier werden mir keine auf die Werbeminuten zugeschnittenen O-Ton-Schnipsel vorgespielt. Und Versprecher gibt es auch. In allen Sendungen, dann und wann. Es ist nicht wahr, wenn ich sage, dass mir diese Versprecher am wichtigsten sind. Aber dass ich mich darüber freue, ist wahr. Nicht Schadenfreude. Echte Freude. Weil hier echte Menschen sprechen - und denken. Die kurzen Pausen, die kleinen Irritationen erzählen etwas. Winkt dem Moderator etwa eine Kollegin aufgeregt zu, legt ihm jemand eine Korrektur oder eine eben erst hereintickernde Meldung hin? War er abgelenkt durch einen weiterführenden Gedanken? Eine berührende Vorstellung in oft gedankenlosen Zeiten.

Moment! Nun stehen 15 Minuten Kostnotizen am Programm. Und 15 Minuten sind keineswegs zu viel für die kleinen Bissen, die wir oft viel zu achtlos im Mund haben: die Quitte, das Gurkerl, den Knoblauch, das Ketchup ... Jeden Freitag gibt es einen neuen ganz kleinen Bissen. Doch Achtung! Jetzt kommt Rudi. Rudi? Ja, Rudi, der Radiohund. Ich freu‘ mich und zugleich spüre ich den irritierten Blick meiner Frau neben mir: »Das ist doch für Kinder! Magst du das wirklich?« Ich räuspere mich verlegen, fühle mich aber von der Tatsache, dass wir auf der Welle eines Kultursenders sind, ausreichend unterstützt: »Ja«, sage ich, »ich mag den Rudi, sehr sogar.« Ruhe im Wagen. Man hört nur noch den rasenden Hund Rudi, Rosi und den Tonmeister. Waff!

In den Spielräumen muss ich etwas verweilen, so oft es geht. Für jemand wie mich, der Musik mag, aber nur eine maximal durchschnittliche musikalische Bildung hat, ist diese Sendung ein unentwegt anziehendes Rätsel. Die Damen und Herren, die hier sprechen, wissen alles über Arabesken, über Dur, Moll und Synkopen, über Jazz, Volksmusik aus aller Welt, Musik verschiedener Völker, über Barock oder Underground Rock. Und sie wissen alles mit einer Leichtigkeit zu benennen, als wären all diese Begriffe in die Klänge hineingeschrieben, und als würden sie 36 Stunden am Tag Musik hören. Manchmal fürchte ich mich vor Musiksendungen. Ich fürchte mich davor, dass mich die Stücke nerven und ich keinen Ton verstehe. Aber die »Spielräume« haben mir noch immer die Angst genommen. Sie machen vertraut mit der Welt der Musik und der Musik der Welt. Manchmal kann man hier auch die großartige Mirjam Jessa hören.

Es ist Sonntagabend. Wir fahren nach Hause. Gut möglich, dass sich der nächste Morgen wieder einsam und unbehaust anfühlt - und kalt. Aber ich schalte wieder das Radio ein.

Freitag, 4. Oktober 2013

Demokratisch?

Natürlich ist das eine Mutmaßung. Aber ich halte weder die FPÖ noch das Team Stronach  im Kern für demokratische Parteien.
 
Sie sind demokratisch gewählt. Ja, das schon. Üblicherweise lässt sich die politische Diskussion an dieser Stelle auf ein Missverständnis ein. Denn hier wird unter „demokratisch“ bloß ein mathematisches Ermittlungsverfahren verstanden, mit dem festgelegt wird, wer wie viel Sitze im Nationalrat oder wie viel Anteil an der zu verteilenden Macht hat. Demokratie als Technik der Machtverteilung.
 
Das ist ein Minimalverständnis von Demokratie, das demokratische Strukturen im Grunde aushebelt, umgeht oder abschafft, sobald einer der Akteure die notwendigen Machtpositionen erreicht hat (man denke nur an den zig-fachen Auszug der FPK-Truppe aus dem Kärntner Landtag). Dieses Minimalverständnis ist keine verlässliche Basis für eine Demokratie. Im Gegenteil. Es beinhaltet die Gefahr, ein demokratisches System auf demokratischem Wege abzuschaffen. Und genau das sehe ich strukturell in FPÖ und Team Stronach angelegt.
 
Demokratische Gesinnung muss mehr sein als nur ein Stimmen-Zählvorgang. Demokratische Gesinnung zeigt sich erst in der Machtausübung. Und das bedeutet: Vielfalt zuzulassen und zu fördern, politisch Andersdenkende zu Wort kommen und auch zur Tat schreiten zu lassen, Minderheiten ihre Selbstbestimmung als Recht und nicht als Almosen zu geben. Die demokratische Gesinnung einer Partei zeigt sich dann, wenn sie die absolute Mehrheit erreicht. Erst dann beginnt der demokratische Prozess. Trotz allen Gestaltungsrechtes, das eine Partei durch eine Wahl erwirbt, muss sie den politisch Andersdenkenden nicht nur Mitsprache, sondern auch Gestaltungsmöglichkeiten zugestehen. Ohne das gibt es keine demokratische Kultur. Wer glaubt, mit absoluter Mehrheit absolut regieren zu können, zerstört die Demokratie.
 
Demokratie ist keine einfache Sache. Demokratie ist schwierig. Aber wir konnten nie davon ausgehen, dass es einfach werden würde. Nicht in der griechischen Antike und auch heute nicht.

Freitag, 27. September 2013

Korruption und Teilzeitpolitik

Die Einfälle von Frank Stronach finden immer weniger Gehör. Das ist einerseits seine eigene Leistung, andererseits aber auch die Leistung der Zuhörer und Zuseher.

Aber eine These verdient nach wie vor Aufmerksamkeit, da nicht auszuschließen ist, dass so mancher dabei leicht mit dem Kopf nickt oder sich am Stammtisch feixend auf die Schenkel klopft. Auf Stronach-Inseraten kann man neuerdings wieder lesen: „Berufspolitik führt zu Freunderlwirtschaft und Korruption. Deshalb will ich keine Berufspolitiker. 2 Perioden im Parlament sind genug. Wir müssen den Sumpf der Korruption jetzt trockenlegen.“

Nach zwei Legislaturperioden ist also Schluss. Dann geht’s wieder ab in die Privatwirtschaft oder wohin auch immer. Eine gute Idee? Wie wird sich ein solcher Politiker während seiner kurzen politischen Laufbahn verhalten?

Stellen wir uns dabei einen Politiker vor, der etwas von der Wirtschaft, vor allem von seiner eigenen, versteht. Er wird, ja er muss sich geradezu schon während seines Politikerdaseins nach einem neuen Job umsehen. Und dabei wird sehr bald die Neigung entstehen, sich bestimmten Firmen oder Branchen anzudienen. Entsprechend gefällige Gesetze werden die Folge sein.

Umgekehrt werden sich Firmen-Bosse und Public Affairs Manager aktiv in Parlament und Regierung umsehen und sich den Einfluss auf jene Politiker sichern, die sie dann in ihren Unternehmen arbeiten lassen. Politische Institutionen verkommen so zum Marktplatz für eine zahlungsfähige Firmen-Klientel. Und genau das scheint Frank Stronach auch zu wollen. Nur, das bedeutet nicht Beendigung, sondern Vertiefung und Ausweitung der Korruption.

In diesem Fall sollte man ein Transparenz-Gesetz beschließen, das folgendes festlegt: Politiker müssen in ihrer letzten Amtsperiode  - wie Fußballer oder Skiläufer – am Sakko, Hemd, Pullover oder am Hut die Werbung jener Firma tragen, in der sie nach ihrer politischen Laufbahn unterkommen werden. Das wird die Politik bunter machen, jedenfalls die Kleidung.